• Sky gefährdet Kneipenfußball in Berlin: Aufstand der Wirte geht in die Verlängerung

Sky gefährdet Kneipenfußball in Berlin : Aufstand der Wirte geht in die Verlängerung

Berlins Kneipiers kämpfen gegen die Preiserhöhungen des Bezahlsenders Sky. Sie sehen den guten alten Kneipenfußball in Gefahr. Nun organisieren sie den Widerstand - und kommen dabei auf ungewöhnliche Ideen.

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Kneipen-Wirte, die über den Bezahlsender Sky Fußballübertragungen zeigen wollen, müssen künftig tiefer in die Tasche greifen. Teilweise steigen die Preise um bis zu 100 Prozent.
Kneipen-Wirte, die über den Bezahlsender Sky Fußballübertragungen zeigen wollen, müssen künftig tiefer in die Tasche greifen....Foto: dpa

Nur acht Männer sitzen an diesem Sonntag kurz nach 15 Uhr im Hinterzimmer vom „Valentin“ und schauen das Zweitligaduell zwischen 1860 München und Ingolstadt. Das „Valentin“ ist ein bajuwarisches Wirtshaus mitten in Kreuzberg – und eine halbe Stunde später hat sich die Zahl der Hinterzimmer-Gäste mehr als verdoppelt. Jetzt nämlich läuft auf dem großem Flachbildfernseher das Erstligaspiel zwischen Hertha und Nürnberg und die Fans von beiden sitzen einträchtig beim Hefeweizen oder Augustiner.

Doch der gute alte Kneipenfußball ist in Gefahr – und das haben viele Wirte zunächst nicht gemerkt. „Das Schreiben, das im Juni vom Bezahlsender Sky kam, wirkte wie reine Werbung“, sagt „Valentin“-Wirt Joachim Mühle. „Da stand erst ganz am Ende etwas von Gebührenerhöhung und völlig versteckt wurde auf das Sonderkündigungsrecht hingewiesen.“ Statt bisher 270 Euro im Monat sollte Mühle nun 470 zahlen, war empört und organisierte mit anderen Wirten den Widerstand.

Sie trafen sich Ende Juli zum ersten Mal. Die meisten von ihnen beschlossen, den Vertrag mit Sky zu kündigen. „Wir wissen es genau von etwa 50 Wirten“, sagt Joachim Mühle, „aber wir gehen davon aus, dass mindestens 100 von über 500 Sky-Lokalen in Berlin erst mal aus dem Vertrag ausgestiegen sind.“ In den vergangenen Wochen haben sich die Gastwirte auch über die Facebook-Seite „Rettet den Kneipenfußball“ vernetzt, fast täglich meldeten sich neue Betroffene aus der ganzen Bundesrepublik bei Mühle.

Die Berliner Wirte wollen sich am Montag wieder treffen und über das weitere Vorgehen beraten. Für sie sind die neuen Kriterien für die Preiserhöhung zu verwaschen. Laut Sky soll sich der Abo-Preis nicht mehr nur nach der Quadratmeter-Anzahl der Gaststätte richten, sondern auch nach Bevölkerungsdichte, Kaufkraft und Sport-Affinität der Region. „Damit ist die Preisbildung noch schwerer nachvollziehbar“, sagt Joachim Mühle. Hinzu komme, dass man von ganz unterschiedlichen Angeboten an jene höre, die ihr Abo gekündigt haben. Indem sie sich genau darüber austauschen, wollen die Gastwirte nun selbst für das sorgen, was sie von Sky vergeblich fordern: Transparenz.

Außerdem hoffen sie auf moderatere Angebote. Lutz Schmidt, der die Hertha-Fankneipe „Spenerstuben“ in Moabit betreibt, hat diese Hoffnung bereits aufgegeben. „Ich habe zwar erstmal auch gekündigt, weil ich statt bisher 230 jetzt 420 Euro zahlen soll“, sagt er. „Dann wurde mir ein Monat kostenfrei angeboten, ich hätte das gern auf zwei Monate erhöht, aber das hat Sky definitiv abgelehnt.“ Schmidt hat dann das Angebot von einem kostenfreien Monat akzeptiert. Er will sein Fußballpublikum nicht verlieren – zwischen zehn und 40 Besucher schauen die Spiele. „Man muss um jeden einzelnen kämpfen“, sagt Schmidt: „Aber was Sky da treibt, ist das eiskalte Ausnutzen eines Monopols – in Zeiten der Demokratie schwer zu ertragen.“

Wenn ein Bierlieferant plötzlich den doppelten Preis von ihm verlangen würde, könnte er zum nächsten wechseln, argumentiert Schmidt. Zu Sky aber gäbe es keine Alternative – auch weil er als Betreiber einer offiziellen Fankneipe verpflichtet ist, alle Hertha-Spiele zu zeigen. Und die Spiele über einen ausländischen Fernsehsender zu verfolgen, könnte juristisch bedenklich sein.

„Valentin“-Wirt Joachim Mühle findet allerdings die Idee, die Wirte in Hannover hatten, ganz interessant: „Dann stellen wir eben alte Röhrenradios auf“, sagt er. Zwei, drei Mal würden das seine Gäste im Hinterzimmer vielleicht sogar mitmachen.

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