SONNTAGS um zehn : Gottesdienst im Nazi-Bau

Martin-Luther-Gedächtniskirche wieder geöffnet.

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NS-Ästhetik. In der Martin-Luther-Gedächtniskirche, in den dreißiger Jahren gebaut, finden sich noch viele Ornamente aus der Nazizeit. Lediglich die Hakenkreuze wurden nach dem Krieg entfernt, wie hier unter dem Reichsadler. Foto: Kai-Uwe Heinrich
NS-Ästhetik. In der Martin-Luther-Gedächtniskirche, in den dreißiger Jahren gebaut, finden sich noch viele Ornamente aus der...

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...“ Zu fröhlichen Posaunenklängen und dem Geläut sämtlicher Glocken zogen die Menschen gestern in die Mariendorfer Martin-Luther-Gedächtniskirche. Das Baugerüst, das seit sieben Jahren am einsturzgefährdeten Kirchturm stand, war weg. Der Turm mit seinen braunen Kacheln ist saniert. 1,8 Millionen Euro haben der Bund, das Land Berlin, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Stiftung zur Bewahrung Kirchlicher Baudenkmäler (KiBa) dafür aufgebracht, immerhin rund 450 000 Euro hat die Gemeinde selbst gesammelt.

Das erste Etappenziel ist erreicht, auch wenn noch weitere Arbeiten an Dach und Kirchenschiff bevorstehen. „Preis und Anbetung sei unserem Gott“, sang drinnen der Kirchenchor. Künftig sollen wieder Gottesdienste, Ausstellungen und Konzerte in der Kirche an der Riegerzeile stattfinden.

„Die Kirche soll ein lebendiger Lern- und Veranstaltungsort sein“, sagte Pfarrer Hans-Martin Brehm. Das ist bemerkenswert, denn die Martin-Luther-Gedächtniskirche ist ein erschreckendes Zeugnis der dunkelsten Phase der deutschen Geschichte. Das 1935 vom Architekten Kurt Steinberg errichtete Kirchengebäude beherbergt bis heute eine einzigartige Ansammlung von NS-Symbolen: ein SA-Mann auf der Kanzel, Wandkacheln mit dem Reichsadler und ein Leuchter in der Vorhalle, der mit einem Eisernen Kreuz samt Eichenlaub über einen ausgesprochen zweifelhaften Schmuck verfügt. Die große Walcker-Orgel wurde 1935 zunächst auf dem Nürnberger Reichsparteitag genutzt und dann in der Kirche aufgestellt. Nur die in der Kirche vielfach angebrachten Hakenkreuze wurden nach dem Krieg entfernt.

Die im Laufe der Sanierungsarbeiten immer wieder vorgebrachten Pläne, in der Kirche etwa ein Dokumentationszentrum zum Umgang der Kirche mit ihrer NS-Vergangenheit einzurichten, sind dennoch ebenso wenig zum Tragen gekommen wie der Vorschlag, das Gotteshaus einfach abzureißen.

Die Mariendorfer Christen wollen ihre Kirche weiter nutzen, selbst am Heiligen Abend, wenn in der Martin-Luther-Gedächtniskirche ein Gottesdienst mit Krippenspiel stattfindet: „Es ist gut, wenn wir uns auch unter dieser Ikonographie des Terrors darauf besinnen können, dass zu allen Zeiten Gottes Wort stärker ist als jeder Hass, jedes Morden und jedes Kriegstreiben“, sagt Pfarrer Brehm. Gäbe es in der Kirche heute keine Gottesdienste mehr, wäre die Ideologie stärker als das Evangelium geworden. „Dann hätten die Nazis ja doch gesiegt.“ Benjamin Lassiwe

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