Sonntags um zehn in Steglitz : Gott schummelt nicht wie VW

Pfarrer Martens findet im VW-Skandal eine Analogie zum Glauben im Alltag. Zu seiner Steglitzer Gemeinde gehören auch viele Iraner und Afghanen, die zum Christentum konvertiert sind.

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Die Dreieinigkeitskirche.
Die Dreieinigkeitskirche.Foto: Benjamin Lassiwe

„In Kraft des Befehls, den der Herr seiner Kirche gegeben hat, als ordinierter Diener des Wortes, spreche ich Euch frei, ledig und los von allen Euren Sünden.“ Gottfried Martens steht im weißen Talar vor dem Altar der lutherischen Dreieinigkeitskirche an der Steglitzer Südendstraße. Vor ihm kniet eine Gruppe Menschen. Er segnet sie. Dann stehen die Menschen auf, gehen und machen den nächsten Platz.

Fast eine halbe Stunde dauert an diesem Sonntag die Beichtliturgie, die traditionell vor dem Hauptgottesdienst der zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche gehörenden Gemeinde stattfindet. Fast alle Beichtenden kommen aus dem Iran und Afghanistan.

Der Pfarrer hilft auch bei Asylverfahren

Die kleine, einst überalterte Steglitzer Gemeinde ist in den letzten Jahren explosionsartig gewachsen: Immer mehr Menschen aus diesen Ländern entdecken den christlichen Glauben, lassen sich von Martens taufen – und bleiben der Gemeinde treu. Gestern waren drei Viertel der Gottesdienstbesucher jung und dunkelhaarig. Es gibt Bibelkurse und Taufunterricht auf Farsi. Martens hilft auch den Menschen bei ihren Asylverfahren. Ein Flüchtling, der wegen seines Glaubens in einem Brandenburger Heim Probleme hatte, lebt nun in Steglitz im Kirchenasyl. Der Gottesdienst indes ist klassisch lutherisch. Alte Lieder von Paul Gerhardt und Heinrich Schütz erklingen.

Testwerte für den Glauben

Martens hält sich streng an die überlieferte Liturgie, feiert den Gottesdienst ernsthaft, würdig und nüchtern. Es gibt keinen Lobpreis, keinen Sakropop, kein Bemühen um Modernität. Dafür einen überraschenden Einstieg in die Predigt: „Das mit VW war schon ein ganz besonderer Hammer“, sagt Martens. Während die Testwerte der neuen Autos hervorragend waren, sah es im Alltag völlig anders aus – „da blieb vom wunderbar niedrigen Wert kaum etwas übrig.“ So sei es manchmal auch mit dem Glauben: Viele Menschen hätten in der Not erfahren, wie Gott ihnen helfe. „Aber im Alltag läuft es dann eher wie beim VW-Konzern: Unter Testbedingungen klappt es toll, im täglichen Leben aber ist es ganz anders, als man es sich vorstellt.“

"Jesus ist nicht VW"

Doch Gott habe es nicht nötig, mit Schummeleien Kunden anzuwerben. „Gott ist auch nicht Zalando, wo man einfach bestellen kann, was man gerne hätte“, sagt Martens. „Jesus führt uns manchmal bis zu dem Punkt, wo wir merken: Wir haben überhaupt gar kein Recht, etwas von ihm zu verlangen.“ Aber dennoch sei es ihm nicht gleichgültig, worum Menschen im Gebet bitten. „Ihm geht es nicht um sich selbst, oder um seinen Vorteil“, sagt Martens. „Ihm geht es um Dich.“ Jesus werde niemanden abweisen oder verlassen. „Jesus ist nicht VW."

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