Soziales Engagement : Der Mutmacher

Martin Cordsmeier will verborgene Talente fördern. Dafür hat er „Millionways“ gegründet.

Annika Kiehn
Er will Träume wahr machen. Mit einem 15-köpfigen Team hat Martin Cordsmeier das Projekt „Millionways“ gestartet. Geld verdienen die Gründer damit nicht, spätere Gewinne wollen sie reinvestieren. Momentan läuft die erste Plakatkampagne.
Er will Träume wahr machen. Mit einem 15-köpfigen Team hat Martin Cordsmeier das Projekt „Millionways“ gestartet. Geld verdienen...Foto: Paul Zinken

Deutschland soll bald vor Leidenschaft sprühen. Talente werden aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt, unzählige Möglichkeiten für unzählige Menschen tun sich auf – das ist zumindest die Vision von Martin Cordsmeier. Seine Idee klingt simpel: „Menschen sollen ihr Potenzial erkennen und ausleben, ein Gegenmodell zur reinen Lohnarbeit“, sagt der 29-Jährige, der diese Vorstellung nun wahr machen möchte.

„Millionways“ nennt sich die am Pariser Platz ansässige Stiftung, die den Aussteigergedanken eines sinnerfüllten Lebens mit der realen Welt verbinden möchte. Cordsmeier hat namhafte Mitstreiter gefunden: den Medienunternehmer und Milliardär Frank Otto, den Hirnforscher Gerald Hüther, den Autor und Journalisten Helmut Mülfarth. Zu den 18 Mitarbeitern gehören auch ungelernte Menschen wie Anastasia Ruder. Einst planlos und unmotiviert, macht sie jetzt, was ihr liegt: mit Menschen reden. Als Talentsucherin hilft sie denen weiter, die sich mit ihrer Idee bewerben.

Anastasia steht für den gesellschaftlichen Wandel, den die Stiftung voranbringen will: Nischen zu finden für Talente, die auf dem üblichen Lebenslauf keine Erwähnung finden und für die es mitunter kein vorgefertigtes Berufsbild gibt. Talente wie Empathie, Geduld oder Disziplin.

Frank Otto, der sich durch seinen unkonventionellen Lebenslauf mit der millionways Vision verbunden fühlt und sie als Vorsitzender des Aufsichtsrats unterstützt, sieht in der gegenwärtigen Entwicklung eine Abkehr von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. „Die Arbeit aus eigenem Antrieb heraus wird immer wichtiger“, sagt er.

Das Projekt solle „eine Art Rahmen sein, aus dem heraus alles geschaffen werden kann“ und Menschen helfen, „daran zu glauben, dass dieses Leben möglich ist“, sagt Professor Gerald Hüther. Nicht zu warten, bis man irgendwo eingeordnet werde, sondern sich selbst seinen Platz in dieser Welt zu suchen.

Damit Träume wahr werden können, hat die Stiftung eine Aktiengesellschaft gegründet. Die Bewegung arbeitet wie eine Non-Profit-Organisation, mit der Ausnahme, dass gewonnenes Geld aus Projekten wieder in den Kreislauf zurückgeführt wird. Die Stiftung ist Eigentümer der AG, niemand soll an dem Projekt selbst verdienen können. „Wir haben auch schon Geldgeber abgelehnt, die nur auf Rendite aus sind“, sagt Initiator Cordsmeier.

Die Bewegung versteht sich als Vermittler, der Talente zusammenführt. Als Beispiel nennt Cordsmeier eine junge Schneiderin, die ihre eigene Kollektion herausbringen möchte. Normalerweise würde sie zur Bank gehen, müsste ihren Businessplan mitbringen und eventuelle Bürgen. An diesem Punkt scheitern die meisten. „Millionways“ würde der Frau helfen, auch finanziell. Falls sie kreative Unterstützung braucht, zum Beispiel einen Zeichner für Entwürfe, würde man so eine Person für sie finden. Ist sie mit ihrer Kollektion erfolgreich, zahlt sie danach 30 Prozent ihres Gewinns an die Stiftung zurück. Aus diesem Topf könnten dann neue Projekte finanziert werden. Wenn sie scheitert, gibt es keine Schulden und keine Insolvenz. „Niemand soll auf einem Schuldenberg sitzen bleiben", sagt Cordsmeier.

Auch Obdachlose, Kinder oder Senioren sollen sich verwirklichen können – in kleinen Projekten, die ihre Begabungen und Interessen fördern. Die Marke „Seniormade“ etwa soll als erste Pilot-GmbH Produkte vermarkten, die von Senioren in Heimarbeit gefertigt und vertrieben werden. „Millionways“ gründet dabei die Firma und will den Kontakt zum Handel herstellen.

„Im Prinzip funktioniert es wie ein großes, selbstständig agierendes Mäzenatentum, das zwischenmenschliche Beziehungen beleben will“, sagt Cordsmeier. Es komme auf die Eigeninitiative an. Wer nur auf Profit aus ist oder einen Vollzeitjob sucht, habe schlechte Karten. „Oft fehlt den Menschen nicht das Geld, sondern der Mut, eine Idee anzupacken“, ist er überzeugt.

Doch wo findet man Unterstützung, wenn man eine gute Idee hat, aber nicht genügend Mut, sie eigenständig umzusetzen? Diese Frage beschäftigte Cordsmeier, seit er sein Abitur gemacht hat – sein einziger Abschluss. Fast sieben Jahre hat es gedauert, bis er seine Idee umsetzen konnte. Bis dahin schlug er sich mit Nebenjobs durch, tauschte sich mit anderen Menschen aus, grübelte und zweifelte. Manchmal war er kurz davor, aus seiner Wohnung zu fliegen, weil er kein Geld für die Miete hatte. Aber er hielt an seiner Überzeugung fest: „Menschen möchten ernst genommen und als Menschen gesehen werden, ohne Selbstdarstellerei.“

Angetrieben hat ihn seine Gabe, zu erkennen, was Menschen wirklich sein wollen. „Ich habe mich nicht gut gefühlt dabei, weil es für andere oft überheblich daher kam, wenn ich denen Vorschläge machte, wie sie ihren Traum anpacken können. Daher suchte ich eine Institution, die das für mich macht“, sagt er.

Mit einem eigenen Profil können sich Interessenten schon bald bei „Millionways“ registrieren. Botschafter sollen künftig in verschiedenen Regionen unterwegs sein, um Potenziale zu finden und zu vermitteln. „Millionways soll eine Marke werden, die eine emotionale Anziehungskraft hat. Ich bin auch gespannt, wie es weitergeht“, sagt Cordsmeier.

In einer aktuellen Videoaktion können Menschen erzählen, was sie bewegt, antreibt oder bisher daran hindert, ihren Traum zu leben. Mehr Infors: www.millionways.org, www.meininterview.de

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