Soziales Engagement : Mit Business-Plan gegen den Blutkrebs

Claudia Rutt hat die weltweit größte Knochenmarkspenderdatei mit aufgebaut. In einem Buch beschreibt sie, wie dies gelang.

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Rot steht ihr gut. Claudia Rutt bei einem „Dreamball“, der Spendengala im Ritz-Carlton.
Rot steht ihr gut. Claudia Rutt bei einem „Dreamball“, der Spendengala im Ritz-Carlton.Foto: dpa

Claudia Rutt ist eine Frau, die gerne Rot trägt. Die Farbe des Blutes steht ihr, sie passt zum „Ladies Lunch“ so gut wie zum großen Ball. Und sie hat Signalwirkung. Das ist ganz wichtig, denn Claudia Rutt hat eine Mission.

Sie hilft Krebskranken im ganz großen Stil.

Als die Berufung dazu sie 1990 traf, war sie gerade im Urlaub; zwei befreundete Ehepaare, entspannt unterwegs – aber dann wurde bei ihrer Schwägerin Mechtild Harf Leukämie festgestellt. Mit den Ehepaaren geschah, was in solchen Fällen oft geschieht: „Wir begannen zu funktionieren.“ Die Chemotherapie half ihrer Schwägerin nicht. Wochen später war klar, dass Mechtild Harf eine Knochenmarkspende brauchte.

Der Mangel an Spendern führte zur ersten Initiative
Mit nur 3000 in Deutschland registrierten Spendern standen die Chancen sehr schlecht, einen passenden Spender zu finden. Also gründeten Peter Harf, der Ehemann, und Claudia Rutt eine Initiative, die „Hilfe für Leukämiekranke“. Von Anfang an war klar, dass die Ergebnisse der Spendersuche nach dem Abschluss der Hilfsaktion anderen Betroffenen zur Verfügung gestellt werden sollten.

Der Hämatologe Gerhard Ehninger, damals einer der wenigen Spezialisten für Knochenmarktransplantationen, schloss sich an. Peter Harf war damals eigentlich als Topmanager für ein Weltunternehmen tätig. Er flog um die ganze Erde, um bei Spezialisten zu recherchieren. Die Aufgabe war schnell klar. Gebraucht wurde das Blut möglichst vieler Menschen, um deren Gewebemerkmale mit denen von Mechtild Harf abzugleichen. Also musste man öffentlich Menschen aufrufen, sich Blut abnehmen zu lassen zwecks Untersuchung.

Die Familie operierte wie nach einem Businessplan. Auch der Bruder der Patientin war in einem großen Unternehmen tätig. Das war die Welt, die der Familie vertraut war. Bei der ersten Aktion ließen sich bereits 680 Spender registrieren. Die zweite Aktion brachte noch mehr Erfolg, denn dabei hatten sie der Aktion ein Gesicht gegeben. Es war das Gesicht eines neunjährigen Jungen, der ebenfalls an einer schweren Blutkrankheit litt.

Prominente beteiligten sich, nur die Industrie war nicht begeistert
Bald ließen sich Prominente wie die Musiker von Bap oder der Politiker Norbert Blüm registrieren. Bei einer dreitägigen Aktion kamen mehr als 7000 Blutproben zusammen. Deutsche Labors waren damit überfordert, sie schafften gerade mal 50 bis 100 Untersuchungen am Tag. In einem New Yorker Labor gab es nicht nur höhere Kapazitäten, die Untersuchung war auch billiger – 75 Dollar statt 200 Mark. Der damalige Vorstandsvorsitzende des Henkel-Konzerns bot Hilfe an. Er ließ die Proben mit der Werksfeuerwehr zum Flughafen fahren, denn sie mussten innerhalb von 24 Stunden untersucht werden.

Gegenwind kam aus der Gesundheitsindustrie von Unternehmen, die ähnliche Pläne hatte, sie aber nicht mit so viel Verve umsetzen konnten. Für eine rein private Initiative war die Aktion schon in kurzer Zeit zu groß geworden. Die Deutsche Krebshilfe gab fünf Millionen DM für die Gründung eines Unternehmens. Das war im Mai 1991.

Heute gibt es mehr als 3,7 Millionen potenzielle Stammzellenspender
Claudia Rutt erzählt die Geschichte der Initiative im Buch „Alle gegen einen“. Dabei widmet sie sich zusammen mit ihrem Co-Autor auch der aktuellen Frage, wie viel Business-Denken ein guter Zweck verträgt. „Gutes zu tun und wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sind keine Gegensätze“, sagen sie. Zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen trage diese Kombination entscheidend bei. Und Blutkrebs ist eine Herausforderung. Allein in Deutschland erhält alle 16 Minuten ein Mensch diese Diagnose.

Die studierte Betriebswirtin und Mutter von drei Kindern schaffte es als Geschäftsführerin der DKMS Deutsche Knochenmarkspenderdatei, das Unternehmen zur weltweit größten Stammzellenspenderdatei aufzubauen. Dafür ist sie vielfach ausgezeichnet worden. Heute sind mehr als 3,7 Millionen Stammzellenspender registriert. Den Satz „Das geht nicht“ hat sie oft gehört seit dem Gründungsjahr 1991, aber nie darauf gehört.

Immer wieder erinnert sie an das Schicksal der Schwägerin. Wie nach den Chemotherapien der Blick in den Spiegel zur Qual wurde, weil die Haare ausfielen und das gesamte Aussehen schwer beeinträchtigt war. Auch aus dieser Erfahrung zog die Familie Konsequenzen.

Gala für den guten Zweck
Seit 16 Jahren bietet das Schwesterunternehmen DKMS Life in Krankenhäusern Kosmetikseminare für Krebspatientinnen an. Wenn am heutigen Donnerstag mit großem Glamour, unter anderem mit Hollywood-Star Andie MacDowell und Sylvie van der Vaart im Hotel Ritz-Carlton der „Dreamball“ gefeiert wird, dann ist das zugunsten dieser Initiative. Und um noch mehr Öffentlichkeit herzustellen. Als die zehntausendste Entnahme bei einer Knochenmarkspenderin vorgenommen wurde, bereitete sich Model Claudia Schiffer im September 2006 gerade auf die Teilnahme am ersten Dreamball vor. Für Rutt gehören solche Kontraste zum Alltag.

Der Schwägerin half die Therapie nicht
Neun Monate nach der schrecklichen Diagnose war auch für Mechtild Harf endlich eine 23-jährige geeignete Spenderin gefunden. Aber dann kam es zu einer Abstoßreaktion des Immunsystems. Damals war die Gewebeanalyse längst noch nicht so ausgereift wie heute. Im September 1991 starb Harf. Bis heute ist sie unvergessen. Schließlich rief ihre Erkrankung eine Organisation ins Leben, die immer mehr Menschen hilft. Und als 2004 die DKMS Americas gegründet wurde, übernahm ihre Tochter Katharina Harf die Leitung.

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