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Berlin : Späte Ehre für die selbstlosen Retter

06.07.2005 00:00 UhrVon Claudia Keller

Israel würdigt NS-Gegner der „Europäischen Union“ um Georg Groscurth

Er hat nicht mehr damit gerechnet – umso größer ist die Überraschung: „Ich freue mich sehr, dass mein Vater endlich eine Anerkennung für seinen Einsatz bekommt“, sagt Jan Groscurth. Sein Vater, Georg Groscurth, wird zusammen mit den Widerstandskämpfern Paul Rentsch und Herbert Richter von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Für sie werden an der „Mauer des Erinnerns“ in Jerusalem Tafeln angebracht. Wann steht allerdings noch nicht fest.

Groscurth, Rentsch und Richter gehörten zur Widerstandsgruppe „Europäische Union“, die sich 1942 in Berlin gründete, um verfolgte Juden zu verstecken, sie mit Lebensmitteln zu versorgen und Ausweise zu beschaffen.

Richter etwa bot einem Juden in seinem Wochenendhaus in der Nähe von Berlin Unterschlupf. Ein knappes Jahr später flog die Gruppe auf. Sie zählte rund 40 Mitglieder, darunter viele Zwangsarbeiter aus der Ukraine, der Tschechoslowakei und Frankreich. 15 wurden zum Tode verurteilt, 13 hingerichtet, auch der Arzt Groscurth, der Zahnarzt Rentsch und der Architekt Richter. Kopf der Gruppe war der spätere DDR-Dissident Robert Havemann. Er überlebte, weil die Vollstreckung seines Todesurteils immer wieder aufgeschoben wurde. Ob auch er ausgezeichnet wird, steht laut Yad Vashem noch nicht fest. „Es wäre sehr merkwürdig, wenn Havemann nicht geehrt würde“, sagt Jan Groscurth, „er gehörte genauso dazu.“

Was gegen eine Ehrung Havemanns spricht, ist in Jerusalem nicht zu erfahren. Die Mitarbeiter der Gedenkstätte Yad Vashem geben grundsätzlich keine Auskunft über die Gründe, warum sie wen zu den „Gerechten“ zählen.

Dass Groscurth, Rentsch und Richter geehrt werden, ist auch dem Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität, Manfred Wilke, und Werner Theurer vom Robert-Havemann-Archiv zu verdanken. Sie haben 1999 die Hintergründe der „Europäischen Union“ aufgearbeitet. „Diese Männer und Frauen haben sich für die Verfolgten eingesetzt. Wir sahen es als unsere Pflicht an, Yad Vashem darüber zu informieren“, sagt Wilke. Yad Vashem hat auf der Grundlage ihrer Forschungsergebnisse eigene Recherchen angestellt. Auch der Schriftsteller Friedrich Christian Delius hat Dokumente nach Jerusalem geschickt, auf die er bei den Recherchen zu seinem Roman „Mein Jahr als Mörder“ über die Familie Groscurth gestoßen ist.

Wie viele Juden durch die Gruppe gerettet wurden, könne man nicht mehr rekonstruieren, sagt Wilke. Er schätzt, dass es eine Hand voll waren, etliche wurden verhaftet, als ihre Beschützer aufflogen.

In der DDR wurde die „Europäische Union“ totgeschwiegen, nachdem Robert Havemann Mitte der 60er Jahre zur Persona non grata erklärt worden war. Die Stasi hatte danach alle Akten des NS-Volksgerichtshofs und der Gestapo eingezogen, um herauszufinden, ob Havemann der Hinrichtung entgangen ist, weil er mit den Nazis zusammenarbeitete. Hätte sich diese Vermutung bestätigt, wäre sein Ansehen als Widerstandskämpfer zerstört gewesen. 1966 habe die Stasi aber selbst eine Erklärung abgegeben, wonach Havemann nichts mit der Gestapo zu tun hatte, sagt Wilke, der die Dokumente eingesehen hat.

Dass Yad Vashem mit der Auszeichnung von Havemann zögert, kann sich Wilke deshalb nur so erklären: Der Chemiker war nicht unmittelbar an der Beschaffung von Verstecken und Lebensmitteln beteiligt, sondern mehr für die übergeordnete Planungsarbeit zuständig. Aber auch für Wilke steht fest: „Havemann gehörte eindeutig dazu.“

Eigentlich müssten noch weitere Mitglieder der „Europäischen Union“ von Yad Vashem eine Auszeichnung bekommen, sagt Wilke. Viele von ihnen waren Zwangsarbeiter aus der Ukraine und aus Frankreich. Ihre Schicksale lassen sich nicht mehr verfolgen, so der Soziologe.

„Schade, dass meine Mutter die Ehrung nicht mehr erlebt“, sagt Jan Groscurth. Die Witwe des Widerstandskämpfers ist 1995 gestorben.

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