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Berlin : Späte Versöhnung

10.08.2006 00:00 UhrVon Lars von Törne

Der Sohn der Widerstandskämpfer hat lange darauf gewartet: Nun wird Georg und Anneliese Groscurth in Westend ein Platz gewidmet

Freude und Genugtuung. Das empfindet Jan Groscurth, wenn er über die Ehrung spricht. Die Wut hat er schon lange hinter sich gelassen, auch Verbitterung empfindet er nur noch selten. Stattdessen spürt der 65-jährige Geologe mit dem angegrauten Dreitagebart eine stille Zufriedenheit, wenn er über seine Eltern spricht. Dass an diesem Freitag ein beschaulicher grüner Platz an der Lindenallee in Westend den Namen Groscurthplatz bekommt, passt zur Gefühlslage des Sohnes. Jan Groscurth verbindet die späte Ehrung mit der Hoffnung, „dass es nun langsam auch für mich ein Ende nimmt mit der Geschichte“.

Die Geschichte beginnt in den 1940er Jahren.

Während in dem kleinen Park an der Lindenallee die Gärtner das Unkraut jäten und den Platz für die Ehrung am Freitag herrichten, erzählt Jan Groscurth von seinen Eltern, den Ärzten Georg und Anneliese Groscurth. Die Familie lebte ein paar Häuser südlich des künftigen Groscurthplatzes. Hier gingen Jan und sein Bruder Peter, der heute in der Schweiz lebt, zur Grundschule. Jan Groscurth ist zwei Jahre alt, als sein Vater von den Nazis verhaftet wird. Als sie ihn im Zuchthaus Brandenburg mit dem Fallbeil hinrichten, ist der Sohn drei. Das Verbrechen des Vaters: Er erfuhr als Leibarzt von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß Interna der NS-Führung und gab diese als Mitglied der Widerstandsgruppe „Europäische Union“, zu der auch der Chemiker Robert Havemann gehörte, an die Alliierten weiter. Die „Europäische Union“, die auch Anneliese Groscurth aktiv unterstützte, versorgte außerdem verfolgte Juden mit Lebensmitteln und Unterkunft und beschaffte ihnen Ausweise.

Anneliese Groscurth überlebte den Nationalsozialismus. Aber ihren Frieden mit der Gesellschaft sollen sie und ihre Söhne erst 50 Jahre später machen. Die Nachkriegsjahre sind geprägt von unendlichen Diffamierungen und Schikanen. Anneliese Groscurth, die nach dem Krieg als Ärztin im Charlottenburger Gesundheitsamt arbeitet, wird aus politischen Gründen 1951 aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Die parteilose, politisch links stehende Frau wird als Kommunistin diffamiert, weil sie sich gegen die Wiederbewaffnung ausspricht und sich dem vorherrschenden Antikommunismus jener Jahre verweigert. Daran beteiligte sich auch der Tagesspiegel, der sie seinerzeit mit Nennung der Adresse als Kommunistin beschimpfte. Während die alten Nazirichter und andere Träger des NS-Regimes wieder in Amt und Würden kamen, machten die Behörden Anneliese Groscurth das Leben schwer. Bis in die 60er kämpfte sie darum, einen Reisepass zu bekommen. Der wurde ihr verweigert, weil man Angst hatte, sie könnte im Ausland schlecht über die Bundesrepublik reden, erinnert sich Jan Groscurth. Bis in die 70er Jahre kämpfte die Mutter darum, wenigstens die ihr zustehende Rente zu bekommen. Eine Entschädigung oder Wiedergutmachung erhielt sie bis zu ihrem Tod 1996 nie, auch den Söhnen versagte man die Waisenrente.

Erst in den 90er Jahren änderte sich das öffentliche Bild im Westen. Georg Groscurth wurde am Krankenhaus Moabit mit einer Gedenktafel geehrt. Im vergangen Jahr dann die größte Würdigung: Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem verleiht den Groscurths und anderen Mitgliedern der „Europäischen Union“ den Titel „Gerechte unter den Völkern“, vor zwei Monaten gab es dazu in der Israelischen Botschaft eine kleine Feier. Öffentlich bekannt wurde die Familiengeschichte der Groscurths vor allem durch den Schriftsteller F.C. Delius, ein Freund der Familie, der mit den Söhnen Groscurth aufwuchs und die Geschichte von Anneliese Groscurth für seinen 2004 erschienen dokumentarischen Roman „Mein Jahr als Mörder“ verarbeitet. Darin erwägt ein fiktiver Jugendfreund der Groscurth-Söhne Ende der 1960er Jahre, den ehemaligen Nazi-Richter Hans-Joachim Rehse zu ermorden, der den Vater seiner Freunde aufs Schafott geschickt hatte.

Dass die Jahrzehnte des Kalten Krieges jetzt endgültig vorbei sind, auch das zeigt für Jan Groscurth die Würdigung an diesem Freitag. Natürlich schmerzt es ihn, dass es so lange gedauert hat. Dennoch: Symbolische Gesten wie die von den Bezirks-Grünen und der SPD gegen die CDU durchgesetzte Ehrung sieht Jan Groscurth als Zeichen der Versöhnung. Das passt zu dem Lebensmotto, das er dem Abschiedsbrief des Vaters an die Mutter entnommen hat: „Wir sterben für ein Leben ohne Menschenhass“, schrieb Georg Groscurth darin. Daran will Jan Groscurth erinnern, wenn er und eine Freundin der Familie am Freitag eine kurze Ansprache an dem Platz halten. „Sie waren bürgerliche Intellektuelle, Humanisten, Pazifisten und Antifaschisten, die daran glaubten, dass der Sozialismus die bessere gesellschaftliche Alternative wäre“, will der Sohn sagen. „Aber in erster Linie waren sie Ärzte, die ihren Beruf als Berufung zum Helfen verstanden und sehr ernst nahmen.“

Die noch namenlose Grünfläche liegt in Westend zwischen Ulmenallee und Nußbaumallee und wird am Freitag um 11 Uhr im Rahmen einer Feier des Bezirksamtes Groscurthplatz benannt.

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