"Speed Dating" der Polizei in Berlin : Bundespolizei senkt Anforderungen an Bewerber

Die Bundespolizei sucht Nachwuchs - auf alte Art mit neuem Namen. Die Anforderungen an Bewerber wurden gesenkt - was Landespolizei und Feuerwehr ablehnen.

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Wenn das ein heißes Date gewesen sein soll, ist klar, warum die Polizei noch immer verzweifelt auf der Suche ist: Am Donnerstag hatte die Bundespolizei ins Berufsinformationszentrum (BIZ) an der Friedrichstraße zum „Speed-Dating“ geladen – das Ergebnis: eine einstündige Frontalveranstaltung. Mithilfe einer Powerpoint-Präsentation erklärten die beiden Polizeihauptmeister Peer Petersen und André Kuchel den etwa 70 potenziellen Bewerbern, wie es bei der Bundespolizei zugeht und was man braucht, um sich erfolgreich für eine Ausbildung im gehobenen oder mittleren Polizeivollzugsdienst zu bewerben.

Was wie ein normaler Rekrutierungsversuch aussieht, ist eine händeringende Suche: Im September hatte die große Koalition auf Anregung des Bundesinnenministers Thomas de Maizière (CDU) der Bundespolizei 3000 neue Stellen versprochen. Davon sollen nächstes Jahr 2000 Stellen besetzt werden. Allerdings herrscht momentan bei der Bundespolizei eine Bewerberquote von 1:3 – auf die 2000 zu besetzenden Stellen haben sich bislang nur 6000 Interessierte beworben. Deshalb hat die Bundespolizei eine „Einstellungsoffensive“ gestartet und tourt mit ihrer „Speed-Dating“-Infoveranstaltung an diesem Wochenende durch 20 Städte. Die Bewerbungsfrist wurde bis zum 31. Dezember verlängert.

Außerdem wurden die Anforderungen an die potenziellen Bewerber auf einen Ausbildungsplatz drastisch gesenkt. Wer zum Beispiel eine Ausbildung für den mittleren Polizeivollzugsdienst absolvieren möchte, der muss beim Einstellungstest ein Diktat von zweihundert Wörtern schreiben – und darf 24 Rechtschreibfehler machen, um gerade noch zu bestehen. Dabei kann der Bewerber einen Body-Mass-Index (BMI) von 35 haben – das ist nach WHO-Tabelle „Adipositas Grad I“. Einen BMI von 35 hat zum Beispiel, wer bei einer Körpergröße von 1,70 Meter 100 Kilogramm wiegt. Auch die bislang geforderte Mindestkörpergröße wurde abgeschafft. „Das ist dem Umstand geschuldet, dass wir dringend Leute brauchen“, sagte Petersen.

Die Berliner Polizei hingegen will die Anforderungen an Bewerber nicht senken, versicherte eine Sprecherin. Weiterhin gilt zum Beispiel eine Mindestgröße von 1,60 Meter für Frauen und 1,65 Meter für Männer. Ab Dezember nimmt das Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke wieder Bewerbungen entgegen. Der Termin für die nächste Einstellungsrunde ist der 1. September 2016 für den mittleren Dienst der Schutzpolizei.

Im vergangenen Jahr hatte die Berliner Polizei ausreichend Bewerber gefunden – aber erst nachdem die Bewerbungsfrist verlängert worden war. 6800 junge Leute hatten sich letztlich auf die 420 offenen Stellen beworben – eine gute Quote von 16 Bewerbern pro Stelle. Erforderlich sind erfahrungsgemäß zehn Bewerber pro Stelle, da neun von zehn durchfallen. Jeweils 20 bis 30 Prozent der Bewerber scheitern beim Deutsch- und beim Sporttest, weitere 20 bis 25 Prozent an der ärztlichen Untersuchung. Zuletzt hatte der Leiter der Polizeischule eine „zunehmend schlechtere Allgemeinbildung“ und eine „sinkende Leistungsbereitschaft“ bemängelt. Selbst Abiturienten scheiterten „massenhaft“ am Deutschtest. So hoch sind die Anforderungen weder im Diktat noch im Sport: Bewerber müssen nur 200 Meter am Stück schwimmen können. Zuletzt war ein Drittel der Bewerber für den mittleren Dienst Migranten, von den tatsächlich eingestellten waren es 23 Prozent.

Auch die Feuerwehr will die Anforderungen nicht herabsetzen. Landesbranddirektor Wilfried Gräfling hatte kürzlich gesagt, dass die Standards „ganz sicher“ nicht gesenkt würden. Gräfling forderte mehr Gehalt für die Anwärter, um wettbewerbsfähig zu sein – in anderen Bundesländern gibt es mehr Geld als in Berlin.

Ein absolutes Ausschlusskriterium gilt aber weiter – auch bei der Bundespolizei: Tätowierungen im sichtbaren Körperbereich. Als Petersen das beim „Speed-Dating“ sagte, standen prompt zehn der Zuhörer auf und verließen den Raum. Immerhin: zwei der 70 haben sich beworben. Jörn Hasselmann/Ronja Ringelstein

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