Spenden in Berlin : Was Flüchtlinge am dringendsten brauchen

Salat und Sommerkleider statt Besteck und Wintermäntel: Die Hilfsbereitschaft ist groß, doch viele Berliner spenden falsch - so können Sie es richtig machen.

Tabea Pauli,Gabriele Scherndl
Nicht jede Hilfe hilft. Kleiderspenden zum Beispiel sind nur zum Teil gewünscht.
Nicht jede Hilfe hilft. Kleiderspenden zum Beispiel sind nur zum Teil gewünscht.Foto: Gregor Fischer/ dpa

Die Leute schleppen schwere Koffer zu den Flüchtlingsheimen, Tüten voller Klamotten, Kartons voller Lebensmittel. Sie meinen es gut – und doch wird die Hilfsbereitschaft der Berliner so langsam zum Problem. Die Klamotten stapeln sich, die Lager sind voll. Und mitunter werden Dinge abgegeben, die nicht helfen.

„Mit Sommerkleidern, Trägertops und kurzen Röcken können wir momentan nichts anfangen“, sagt eine Sprecherin des Arbeiter-Samariter-Bundes. Die warme Jahreszeit ist vorbei, und viele geflüchtete Frauen würden solche Sachen wegen ihrer Religion ohnehin nicht tragen. Stattdessen werden Wintermäntel benötigt, vor allem für Männer.

Da derzeit noch die Spenden der vergangenen Wochen geordnet und verteilt werden, sollte niemand seine Spielsachen oder Textilien sofort zum nächsten Heim bringen. „Es ist schön, dass so viele Menschen helfen wollen. Doch gerade jetzt sollte man sich sagen: ,Ich bin jetzt mal der Kluge, der noch ein, zwei Monate wartet’“, sagt Lorenz Lauer, Ehrenamtskoordinator bei der Stiftung Gute Tat. Dann werden neue Spenden benötigt, schließlich erwartet Berlin täglich die Ankunft von 1000 Flüchtlingen, wie der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) erklärte.

Es wird aber nicht nur ungeeignete Kleidung abgegeben, sondern auch selbst gekochtes Essen. Das landet dann in manchen Flüchtlingsheimen im Mülleimer. Viele muslimische Asylbewerber wissen nicht, ob es halal ist, also nach den religiösen Vorschriften zubereitet. Und vor allem können Helfer und Flüchtlinge nicht sicher sein, ob der Verzehr der Speisen unbedenklich ist. Lebensmittel werden zwar grundsätzlich gerne angenommen, müssen aber originalverpackt sein. Dringend benötigt werden Küchenutensilien für Flüchtlinge, die sich einen eigenen Haushalt aufbauen wollen. Gefragt werde auch nach Teppichen für die Zelte, berichten Flüchtlingshelfer.

Mitarbeiter wissen nicht, wo sie die Sachen lagern sollen

Statt mit vollgeladenen Kisten oder sperrigen Möbelstücken bei der nächstgelegenen Unterkunft vorzufahren, raten die Helfer, zunächst vor Ort anzurufen oder einen Blick auf eine Bedarfsliste zu werfen, die sich auf den Internetseiten von Unterstützer-Initiativen finden. Das Sicherheitspersonal an den Heimen weise mitunter auch mal Spenden ab, weil die Mitarbeiter nicht wissen, wo sie die Sachen lagern sollen, berichten Tagesspiegel-Leser.

Der Internationale Bund hat mittlerweile eine Art Annahmestopp für Spenden ausgesprochen: „Es macht keinen Sinn, Sachen dort abzuladen, wo schon zu viel ist – viele Heime sind logistisch schlicht überfordert.“ Kleine Netzwerke bitten dagegen weiter um Unterstützung, wie der Stadtteilverein Tiergarten: „Auch Geldspenden sind wichtig, wir können schon mit 10 oder 20 Euro viel anfangen.“

Alltag im Flüchtlingsheim
Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet sich im Hintergrund. Im Februar hat die deutsch-schweizerische Künstlerin Barbara Caveng in einem Heim für Asylsuchende in Spandau ein Kunstprojekt begonnen. Beim "Kunstasyl" entscheiden die Bewohner mit den Künstlern gemeinsam, was sie tun wollen, um das Heim zu einer Heimat zu machen - und sei es auf Zeit. Ein Teil der Fotos von Till Rimmele sind am 23. Juli 2015 auch in einem vierseitigen Dossier zum Thema im gedruckten Tagesspiegel erschienen, oder nachzulesen im E-Paper.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Till Rimmele
23.07.2015 00:02Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet...

Ähnlich läuft es bei den Ehrenamtlichen: Einige Initiativen können sich vor Freiwilligen kaum retten und haben Online-Formulare ins Netz gestellt, um die vielen Helfer besser koordinieren zu können, während andere für die eigene Organisation kaum genug Leute haben. So hat die Notunterkunft Karlshorst bereits ein funktionierendes logistisches System. Der Gemeinwesenverein Haselhorst braucht dagegen in der Notunterkunft am Rohrdamm noch dringend Unterstützung bei der Sortierung und Ausgabe von Sachspenden, auch die Berliner Tafel ruft zur Mithilfe auf. Freiwillige Helfer können sich auch in den Ehrenamtsbüros in den einzelnen Bezirken melden.

Zeit ist die wichtigste Ressource, die derzeit benötigt wird. Besonders für langfristige Hilfe, um die das Netzwerk „Pankow hilft!“ ausdrücklich bittet, fehlen noch Dolmetscher, Deutschlehrer und Flüchtlingspaten, die bei Behördengängen und der Wohnungssuche begleiten.

Was brauchen die Flüchtlinge?

Infos finden Sie auf www.netzwerkfluechtlingeberlin.wordpress.com oder www.berlin-hilft-lageso.de. Die Stiftung Gute-Tat ist telefonisch unter 030/390 88 399 erreichbar.

Wo Ihre Hilfe ankommt: Hier finden Sie unseren Überblick über Ansprechpartner für Spenden.

Und zum Thema ehrenamtliches Engagement in Berlin: So können Sie Flüchtlingen konkret helfen.

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