Spendenaktion : Medizin für die Seele

Yaser Alshrafi erlebte den Krieg im Gazastreifen mit. Jetzt sammelt der Spandauer Apotheker Arzneien, um den Menschen in Gaza zu helfen.

Annette Köge
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„Ich habe die Hölle gesehen.“ Apotheker Yaser Alshrafi war in Gaza. Foto: Steinert

Berlin„Als ich schon fast wieder über die Grenze war, zurück in Israel, da fielen neben mir Schüsse. Die israelischen Soldaten haben drei Baggerfahrer beschossen, einer sackte gleich tot in sich zusammen. Das war mein letzter Blick zurück.“ Wenn der Berliner Yaser Alshrafi von seinen Kriegseindrücken aus dem Gazastreifen berichtet, erzählen seine Hände und Augen mit. „Es war die Hölle.“ Der 32-jährige Spandauer hat schon lange den deutschen Pass, „aber mein Herz schlägt für beide: meine alte Heimat Gaza und meine neue Heimat Berlin“. Der Besitzer der Zeppelin-Apotheke in Spandau hat jetzt eine Medikamente-Sammelaktion für die Kriegsopfer im Gazastreifen gestartet – und kooperiert dabei mit den Apothekern ohne Grenzen, der palästinensischen Gemeinde, dem palästinensischen Studentenverein, dem Alwatan-Akademikerverein sowie der palästinensischen Ärzte- und Apothekervereinigung.

„Wir freuen uns über jede einzelne Tablette“, sagt der Mann, der im Gazastreifen aufwuchs und mit 19 nach Deutschland kam. Dringend gebraucht würden Schmerzmittel, aber auch Antibiotika, Narkotika - und OP-Zubehör. „Ich habe drüben miterlebt, wie Kinder sich verzweifelt Schlafmittel für die Nacht besorgen, die sie noch gar nicht einnehmen dürfen“, beklagt Alshrafi. Die Mädchen und Jungen haben wie er „mit angesehen, wie Hunde Leichen auf der Straße auffressen, wie Arme und Beine in den Stromleitungen baumeln“. Jetzt leiden die Menschen auch, weil sie ihre Toten im eigenen Garten vergraben mussten, und weil 150 traumatisierte Kinder in einer Klasse sitzen, weil so viele Schulen zerstört wurden.

All diese Bilder verfolgen auch die rund 40 000 palästinensischen Berliner: Über Satellitenfernsehen, übers Internet. Haroun Sweis, Radiojournalist aus Schöneberg, der als Palästinenser in Jordanien groß wurde, berichtete erst gestern Abend in seiner Sendung „Al Saut Al Arabi“ („Die arabische Stimme“) im Sender Funkhaus Europa über die Lage im Gazastreifen, der gerade mal ein Viertel so groß ist wie Berlin. Auch Yaser Alshrafi schilderte dort seine Eindrücke.

Als der heute 32-jährige Apotheker noch an der Freien Universität Pharmazie studierte, hätte er nie damit gerechnet, dass er später selbst einmal Beruhigungsmittel einnehmen und einen Psychiater besuchen müsste. „Aber ich kann all das Erlebte noch nicht verkraften.“

Eigentlich war der Berliner in seine alte Heimat zum ältesten seiner elf Brüder, Walid, gereist, weil er im Verwandtenkreis heiraten und feiern wollte. Doch dann begann der Krieg, und Yaser und seine Frau Amani kamen nicht mehr raus. „Wir haben uns versteckt, sind ständig umgezogen, haben die Fenster mit Gummi abgeklebt“, erzählt der Spandauer im weißen Kittel, „auch deshalb, damit kein Phosphor in die Räume dringt“. Überall seien „Teppiche dieses weißen Pulvers von den Phosphorgranaten. Ich habe Kinder gesehen, deren Haut durch die Berührung damit anfing zu brennen. Wenn Erwachsene mit Wasser löschen wollten, schossen erst recht Flammen an ihren Körpern in die Höhe.“ Für Überlebende brauche man auch dringend Brandsalben. All das können Berliner in seiner Apotheke abgeben. Die Spenden sollen direkt an Ärzte und Kliniken verteilt werden. „Mit der Hamas oder der Politik haben wir nichts zu tun, das ist eine humanitäre Hilfsaktion“, sagt der Apotheker.

Ahmad Muhaisen, der Vorsitzende der palästinensischen Gemeinde in Berlin, hofft, dass Hilfsgüter schnell zu den Bedürftigen gelangen. „Sie brauchen dort auch Psychologen, gerade für die Kinder.“ Die palästinensischen Berliner erreichen ihre Verwandten meist per Handy, manchmal über Festnetz. Wie Alshrafi.

Der Apotheker stützt seinen Kopf auf. „Eigentlich sage ich immer, Berlin ist so schön multikulti, dass man gar nicht verreisen muss.“ Es falle ihm jedenfalls sehr schwer, die Verwandten im Gazastreifen zu wissen, während er in Berlin sicher lebe. Seine kleine Nichte hatte sich bei seiner Abreise verzweifelt an sein Bein geklammert und gefleht: „Onkel, nimm mich mit nach Berlin!“ Annette Kögel

Spenden kann man abgeben in der Zeppellin-Apotheke, Zeppellinstraße 36–37, Spandau, Tel. 372 86 32, Fax: 372 50 57. Weitere Infos auch bei der palästinensischen Ärzte- und Apothekervereinigung in Deutschland: E-Mail: team-hihfa@live.de.

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