Spiritualität : Die Neuköllner Sufi-Oase

Im Sufi-Zentrum in Neukölln treffen sich Sinnsucher aller Religionen und Nationen. Unsere indische Stipendiatin Malvika Tegta hat sich dort umgeschaut.

Malvika Tegta
Der Derwisch tanzt - im Sufi-Zentrum in Neukölln.
Der Derwisch tanzt - im Sufi-Zentrum in Neukölln.Foto: Oliver Wolff

Während in der mit Teppich ausgelegten Halle schmale Gläser mit heißem türkischem Tee  herumgereicht werden, sind angeregte Gespräche zu hören. Gunther ist nachdenklich. Es ist das erste Mal, dass er zu diesem Sufi-Zentrum in der Neuköllner Wissmannstraße gekommen ist, wo sich jeden Freitag eine Gruppe Menschen zusammenfindet, die auf der Suche nach spirituellen Ratschlägen sind. Ihnen geht es darum, die eigenartige und unerklärliche Sehnsucht zu begreifen, die aus den Gedichten des Sufi-Mystikers Rumi spricht.

Er ist in Begleitung eines irakischen Freundes gekommen, den seine eigenen metaphysischen Fragen beschäftigen, genauso wie die zwei Freunde aus der Republik Benin in Westafrika und wie die in Berlin beheimatete Andrea, die diese Konversationen mit dem Sufi-Meister Sheikh Esref Efendi seit den letzten fünf Monaten besucht und sich fragt, was es wohl ist, was sie hier lernen soll. „Ich war auf der Suche nach einem Ort in Berlin, wo ich mich an den Wirbeltänzen der Sufis beteiligen konnte, so, wie sie am Oscho-Zentrum getanzt wurden, als ich im Internet dieses Sufi-Zentrum fand. Auf Grund des beschränkten Platzes kann hier nur eine einzige Person tanzen und die anderen bilden um sie herum einen Kreis und beten. Dennoch komme ich immer wieder. Es gibt einfach keine Zufälle im Leben,“ meint sie.

Sufi zu sein heißt „von der Seele geführt zu werden.” Trotz seiner Rituale handelt es sich beim Sufismus letztendlich um ein persönliches Erlebnis. Das, was Menschen aller Glaubensrichtungen  hierher bringt, ist der Glaube an die Vorstellung, dass ein Medium die Kluft zwischen ihnen und der Wahrheit bzw. Gott oder dem wahren Selbst überbrücken kann. Das Medium ist nach Ansicht der Sufis der unentbehrliche Vermittler zwischen der individualisierten Seele und ihrem Ursprung, „einer, der auf den richtigen Knopf drückt.“

Das Medium hier ist Sheikh Esref Efendi, ein Anhänger des berühmten Naqshbandi Sufi-Ordens. Sein Wissen, das er von seinem in der Türkei beheimateten Meister Sheikh Nazuim al Haqqani erlangte, gibt er seit 1995 in Berlin an Wahrheitssuchende weiter. Seitdem ist dieses Sufi-Zentrum zu einem Treffpunkt für Geistliche, Berufstätige und Studenten der verschiedensten Glaubensrichtungen und Nationalitäten geworden – Deutsche, Türken, Franzosen, Schweizer, Ghanaer und Ägypter. Dieses Zentrum hat inzwischen vier Zweigstellen, die sich in Ludwigshafen, am Bodensee, in Radolfzell und Köln befinden.

„Ganz gleich, woher sie kommen, jeden bewegt die gleiche Frage über „den Weg”. Sie wollen alle begreifen, warum wir hier sind. Dabei stoßen wir aber immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand. Manchmal glaube ich, dass Gott es sich wünscht, dass wir uns töricht fühlen,“ bemerkt einer der Anwesenden.

Auf spielerische und indirekte Art beginnt der Sheikh die Konversation bei Deutschlands Autobahnen, wobei er den Zuhörern zwischendurch Fragen stellt. Er spricht Türkisch mit ein paar Brocken Deutsch, was zum besseren Verständnis für alle ins Deutsche übersetzt wird. „Jeder erkundigt sich nach dem Weg, aber keiner bewegt sich. Der Raum ist voller solcher Menschen. Wurden Autobahnen nicht gebaut, damit sie von Fahrzeugen befahren werden?” fragt er, indem er sich an die etwa 50 Personen im Raum wendet, von denen 30 eingetragene Mitglieder sind.

„Und dazu brauchen wir einen von einer Religion vorgeschriebenen Weg?’ fragt ein anderer. „Hast du eine so feine Nase?” fragt der Sheikh. „Wie weit kann dich der Weg der Selbsterkundung bringen? Das Wissen gab es bereits vor Dir. Das Wissen folgt Dir nicht, sondern Du folgst dem Wissen.“

Es werden neue Fragen gestellt und beantwortet. Diese Konversationen sind Teil des Sohbet, der Lehren des Meisters, die zu spiritueller Disziplin und zu einem ausgewogenem und harmonischem Alltagsleben verhelfen sollen. Nach dieser intensiven, zweieinhalb Stunden währenden Konversation und einem gemeinsamen kleinen Imbiss verabschiedet man sich, um sich am folgenden Tag zum Dhikr wiederzutreffen, der Anrufung Gottes mit Gesang und zu den Klängen der Tar, der türkischen Rahmentrommel.

Vor Beginn des Dhikr herrscht eine etwas ernstere Stimmung als am Tag zuvor. Der Raum wird verdunkelt und das Hersagen der Worte As-Salām Alaykum, Alaykum Salām gewinnt an Tempo und Inbrunst, während sich alle an den Händen halten und mit geneigtem Haupt vor- und zurückbeugen. Nachdem jeder die Augen geschlossen und das Haupt geneigt hat, betritt ein Derwisch die Mitte des Kreises und beginnt sich ununterbrochen im Kreis zu drehen, wobei sein wallendes Gewand die Lichtquelle hinter ihm zum Flackern zu bringen scheint. Mit dieser frommen Handlung verwandelt sich der Tänzer in ein Medium zwischen materieller Welt und Kosmos. Während die Trommelklänge von laut auf leise und das Tempo von schnell auf langsam wechselt, wird die Gottesanrufung sacht ihrem Ende zugeführt.

Bahram, der vor ein paar Jahren aus dem Iran nach Berlin kam und heute Taxi fährt, besucht diesen Ort regelmäßig. Zuhause in seiner alten Heimat werden Sufis seit der islamischen Revolution von 1979, die zur Verbreitung eines konservativen Islams führte, verfolgt - eine Entwicklung, die von dem jetzigen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad gebilligt und unterstützt wird. „Der Sufismus wird zwar noch ausgeübt, aber nur heimlich,“ berichtet Bahram, der sich hier den Luxus erlauben kann, seinem Glauben ohne irgendwelche Nötigungen nachzugehen.

In der Gruppe sind auch mehrere deutsche Christen zu finden, die erklären, nicht wegen der Predigten hierher zu kommen, sondern wegen der Kraft, die sich hinter diesen Worten verbirgt. „Ich suche schon seit langem nach einem Sufi-Meister und dieser hier hat Antworten auf Fragen, die mein Herz berühren,” sagt Christopher, ein Journalist. Diese Menschen hier sind keine Anhänger islamischer Traditionen, was aber reiner Zufall ist. So meint Max Kuhlmann, ein Student: „Ich glaube nicht an irgendwelche Lehren, sondern möchte meine eigenen Erfahrungen machen und hier spüre ich, dass dieses Erfahrungen tatsächlich auch meine eigenen sind.“

Weitere Informationen: www.sufi-zentrum-berlin.de.

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