Sprengung : Frohnauer Sendemast: Bildschön kollabiert

Vielen wird er fehlen: Der 358 Meter hohe Fernmeldemast, das zweithöchste Bauwerk Berlins. Am Sonntag wurde er in Frohnau gesprengt. Mit großem Getöse sackte die 920 Tonnen schwere Stahlkonstruktion um kurz nach 13 Uhr in sich zusammen.

Christian van Lessen
Frohnauer Turm
Weg isser. Tausende Schaulustige beobachteten die Sprengung des Fernmeldeturms in Frohnau. -Foto: ddp

Harro Bense aus Charlottenburg ist mit zwei Kameras angereist, hat ein Satellitenbild vom Gelände vor sich, um die beste Aussicht herauszufinden. Er gehört zu Tausenden Schaulustiger, die Sonntagmittag Frohnau und Hohen Neuendorf bevölkern oder von oberen Etagen des Märkischen Viertels gebannt einem Höhepunkt entgegenfiebern. Sie sind dabei, als Berlins zweithöchstes Bauwerk, der 358 Meter hohe Frohnauer Fernmeldeturm, gesprengt in sich zusammensackt.

„Schade“, sagt Bense, Bildtechniker im Ruhestand, „ein Wahrzeichen ist weg. Aber sentimental wie beim Abschied vom Flughafen Tempelhof werde ich nicht.“ Die hohen Unterhaltungskosten für den sinnlos gewordenen Stahlmast seien schon ein ernstes Argument für die Sprengung. „Ein Stück Berlin-Geschichte ist vorbei“, sagt Horst Löhr aus Wittenau, immer werde alles so schnell abgerissen, ohne sich Gedanken über eine mögliche andere Verwendung zu machen.


Eine halbe Stunde vor dem angekündigten Sprengtermin um 13 Uhr breitet sich eine ungewöhnlich feierliche Stimmung rund ums Gelände aus. Die Schaulustigen sind still oder unterhalten sich gedämpft, ein Hubschrauber lärmt. Die Polizei und das Technische Hilfswerk haben den Wald 500 Meter um den Turm abgesperrt, auf der Oranienburger Chaussee fahren keine Autos, keine Busse mehr.

Kinder rufen „peng!“, als um halb eins ein erstes Signal ertönt. Zwischen Invalidensiedlung und Schwarzkittelweg wird auf Waldwegen über die beste Aussicht diskutiert. Bense ist trotz Satellitenfotos noch immer auf der Suche nach dem optimalen Standort. „Ich seh’ den Turm vor Bäumen nicht“, scherzt jemand. Es gibt Leute, die starren seit 30 Minuten ununterbrochen auf den rotweißen Mast.

Die meisten nehmen schweigend Abschied. Jede der oberen Plattformen scheint sich für die Ewigkeit einzuprägen. Anwohner haben ihre Häuschen verlassen, die Sicht ist auf der Straße besser. Einige erzählen sich leise Geschichten vom Turm, der 30 Jahre Nachbar war. Von der geheimnisvollen Abhörkabine oben, die offenbar bei defektem Aufzug auch als Notunterkunft für Techniker diente. Einer der Zuschauer will vor 20 Jahren sogar mal oben gewesen sein.

„Los jetzt“, ruft eine Frau auf der Rauentaler Straße. Der Turm ist so nah, sie sorgt sich, dass er in ihre Richtung fällt. „Mir wird der Arm lahm“, sagt ein Mann, der seit längerem die Kamera in die Luft hält. Nach fünf Minuten ertönt ein Sprengsignal, ein Kind ruft: „Alle aufpassen!“ und ein anderes wieder: „Peng!“ und wieder passiert nichts. „Abgebrochen“, brummt jemand, gespannte Enttäuschung macht sich breit. Nach vier weiteren Minuten knickt der Turm einfach so in sich zusammen, es kracht dumpf und einige Leute warten vergeblich auf eine Staubwolke. Hunderte Kameras bleiben im Anschlag, die Fotos zeigen jetzt ein Waldstück wie jedes andere. Es gibt kurze Nachrufe, dann machen sich Bense und die anderen schnell auf den Heimweg. „Hoffentlich haben sich keine Wildschweine wehgetan“, ruft ein Kind.

Ein Reh hat es erwischt. Durch Unruhe im Wald aufgescheucht, ist es in einem Zaun verletzt hängen geblieben. Es erhält, wie kurz zuvor der Turm, den Gnadenschuss.

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