• Staatsanwaltschaft klagt Bande von Immobilienbetrügern an Sie köderten ihre Opfer per Telefon und sollen sie in den Ruin getrieben haben

Berlin : Staatsanwaltschaft klagt Bande von Immobilienbetrügern an Sie köderten ihre Opfer per Telefon und sollen sie in den Ruin getrieben haben

Jetzt kommen neun Berliner Vermittler überteuerter Wohnungen vor Gericht.

Betrug, gewerbsmäßiger Bandenbetrug, Erpressung und Bedrohung – 54 Taten wirft die Staatsanwaltschaft in ihrer rund 190 Seiten starken Anklageschrift neun Berliner Vermittlern sogenannter Schrottimmobilien vor. Der Chef der Vertriebsfirma und einige seiner engsten Mitarbeiter sitzen in Untersuchungshaft. Es bestehe Flucht-, teilweise auch Verdunklungsgefahr. Denn der Schaden, den sie angerichtet haben sollen, liegt in Millionenhöhe. Vor allem aber gibt die Anklage Einblick in ein perfides betrügerisches System, dessen Initiatoren, angetrieben von der Gier nach Provisionen, unbedarfte Privatleute mit kleinen Einkommen rücksichtslos zum Kauf unrentabler Eigentumswohnungen überredet und viele so in den Ruin getrieben hat.

Bemerkenswert ist der Fall auch, weil die einzelnen Firmen dieser mutmaßlichen Betrügerbande Geschäftsbeziehungen zur „Grüezi“-Gruppe hatten, für deren Tochterfirmen der zurückgetretene Justizsenator Michael Braun als Notar Verträge über den Kauf von Schrottimmobilien beurkundet hatte. Eine ganz direkte Verbindung zwischen Brauns Notariat und der mutmaßlichen Betrügerbande besteht nach bisherigen Erkenntnissen allerdings nicht. Doch die Geschäftskonzepte der meisten Vermittler von Schrottimmobilien ähneln sich und die Vorwürfe gegen die wegen Betrugs Angeschuldigten geben Auskunft über die Gepflogenheiten dieser Branche.

Getäuscht und betrogen fühlen sich Dutzende Käufer unrentabler Immobilien, aber auch Banken, die den Käufern das Geld geliehen haben, damit diese Eigentumswohnungen bezahlen konnten. Banken hätten „total gefälschte“ Einkommensbescheinigungen erhalten, berichten die Ankläger sowie „gefälschte Sparkonto-Auszüge“. Angefertigt wurden diese laut den Ermittlern von den beschuldigten Betrügern. Sie reichten die Fälschungen bei den Banken ein, damit ihre Opfer, darunter viele Geringverdiener, überhaupt einen Kredit bekamen.

Die Ermittler sind davon überzeugt, dass sämtliche Mitglieder der Bande wussten, dass die Verkäufer Angaben machten, die nicht der Wahrheit entsprachen. Betrug werfen Opfer und Banken diesen Vermittlern auch deshalb vor, weil die Angeschuldigten den eigenen gewaltigen Gewinn aus diesen Geschäften verschwiegen haben sollen: Etwa ein Drittel des Kaufpreises der Wohnungen sei an die Angeschuldigten geflossen, haben die Ermittler errechnet.

Diese gewaltigen „Vermittlerprovisionen“ erlaubten es den Bandenmitgliedern, auf hohem Fuße zu leben und sich einen ganzen Fuhrpark teurer Karossen zu halten. Die Luxuslimousinen sollten auch ihre späteren Opfer blenden, die mit diesen Fahrzeugen zum Firmensitz chauffiert und dort dann zu den unrentablen Geschäften überredet wurden. Meist wurden sie noch am selben Tag zum Notar gebracht, der die mutmaßlich betrügerischen Geschäfte gleich beurkundete.

Wie aber kam es dazu, dass die Anleger sich schwer verkäufliche Immobilien aufschwatzen ließen, die wegen des Gebäudealters, der schlechten Lage oder der Baumängel niemand sonst haben wollte? Die Ermittler stellten fest: Auch hier wurden die Verbraucher getäuscht. Das Risiko, das Wohnungsvermieter zu tragen haben – die Kosten für Modernisierung, zeitweiligen Leerstand oder nicht gezahlte Miete – wurden ihnen verschwiegen. Als „Steuersparmodell“ seien die Wohnungen verkauft worden und die Bande soll dabei auch falsche Angaben über die Mieterträge gemacht haben. Sogar Garantien, dass ausreichende Mieterträge fließen würden, sollen sie gegeben haben. Doch dies alles stellte sich später als wertlos heraus.

Dass hier eine ganze Bande zu Werke ging, davon sind die Ermittler fest überzeugt, denn auch die Beute teilten die Angeschuldigten nach einem festgelegten System untereinander auf: Drei bis vier Prozent der Provision kassierten die Vermittler, die übrigen Beteiligten 0,5 bis ein Prozent. Das meiste Geld aber steckte wohl der Chef der Gruppe ein. Seine „rechte Hand“ teilte Vermittler und Mitarbeiter zur Vereinbarung von Notarterminen ein, organisierte außerdem Schulungen und Motivationstraining für Telefonisten in einem Callcenter, das für die verschiedenen Firmen der Bande arbeitete. Dort wurde der erste Kontakt zu Kunden hergestellt, die ganz willkürlich ausgewählt und über die wahren Absichten der Bande getäuscht wurden. So funktioniert das: Unter dem Vorwand, eine Umfrage durchzuführen, entlockten die Callcenter-Mitarbeiter den Arglosen Angaben zu ihren Einkommensverhältnissen. Bei einem zweiten Anruf wurde dann ein „Steuersparmodell mit erheblichen Gewinnaussichten“ angeboten. Dass es dabei um den Kauf einer völlig überteuerten Wohnung ging, mit allen damit zusammenhängenden Risiken, wurde verschwiegen.

Skrupellosigkeit und Gewaltbereitschaft kennzeichnen das Vorgehen des Chefs der Immobilienbande. „Du wirst mit Deinem Leben zahlen“, soll er einem Partner gedroht haben, dem er Geld für die Einrichtung einer Diskothek am Kurfürstendamm geliehen hatte. Die war einen Tag nach Eröffnung durch die Polizei wieder geschlossen worden. Einer Mitarbeiterin des Bürgeramtes Charlottenburg-Wilmersdorf, die ihn zur Entfernung von Werbeplakaten von der Fassade seiner Geschäftsräume aufforderte, soll er gedroht haben, er wolle ihr „die Beine brechen“, falls er noch einmal ein solches Schreiben bekäme. Nun entscheidet das Gericht über die Zukunft der Geschäftemacher. Bis zu zehn Jahre Haft stehen auf Bandenbetrug – auf jeden einzelnen Fall.

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