Berlin : Stadt ohne Männer

Eine internationale Gedenkstätte erinnert an die Hinrichtung von 1000 Treuenbrietzenern und 127 Italienern

Claus-Dieter Steyer

Anfang der fünfziger Jahre druckte der Tagesspiegel eine Reportage über Treuenbrietzen mit dem Titel „Stadt ohne Männer“. Der Reporter machte damals den augenfälligen Frauenüberschuss zum Thema, den der schreckliche Krieg hinterlassen hatte. Diesen gab es zwar in den meisten deutschen Städten, aber in Treuenbrietzen fiel er besonders drastisch aus. Die Rote Armee hatte an den letzten April- und ersten Maitagen rund 1000 Zivilisten im Wald erschossen, vorrangig männlichen Geschlechts. Die Leichen kamen auf den Triftfriedhof.

Solche Massaker an Zivilisten sind vom Vormarsch der Roten Armee kaum bekannt. Die tragischen Geschehnisse in Treuenbrietzen waren vermutlich eine Racheaktion, weil die Stadt besonders hart umkämpft wurde und ein hoher sowjetischer Offizier bei diesen Gefechten ums Leben kam.

In den ersten Apriltagen 1945 hatte die Rote Armee Treuenbrietzen besetzt, musste sich nach 12 Stunden aber wieder zurückziehen und konnte die Wehrmacht erst bei einer zweiten Offensive endgültig vertreiben. Seit etwas mehr als einem Jahr wird nun auch an die 1000 Opfer der Hinrichtungen erinnert, nachdem dieser Massenmord lange Zeit tabu gewesen war.

Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes eröffnete die Stadt am Pauckertring den neu gestalteten Ehrenhain, der zu DDR-Zeiten einen großen sowjetischen Soldatenfriedhof beherbergte. Vorausgegangen war eine überregional beachtete Debatte über den Umgang mit Kriegstoten. „Wir wollten eine Versöhnung über die Gräber hinweg“, sagt Heimatforscher Wolfgang Ucksche. „Aller Opfer des Zweiten Weltkrieges sollte gedacht werden, was gerade in Treuenbrietzen nicht ganz einfach war.“ Aus unterschiedlichen Motiven heraus habe es in der Stadt heftige Widerstände gegen eine solche internationale Gedenkstätte gegeben.

Denn auch 127 italienische Kriegsgefangene, die nach Mussolinis Sturz und dem Bündnis Italiens mit den Alliierten in deutsche Hände gefallen waren, verloren dort in den letzten Kriegstagen ihr Leben. Bei einem Massaker in einer Kiesgrube wurden sie am 23. April 1945 von Angehörigen der Wehrmacht und SS erschossen. Zuvor waren sie in der nahen Munitionsfabrik als Zwangsarbeiter beschäftigt gewesen. Sie hatten sich schon in der Freiheit gewähnt, als die Rote Armee Treuenbrietzen besetzte, mussten bei deren Rückzug aber zurückbleiben und fielen so ihren Mördern in die Hände. Es gab nur vier Überlebende.

Die nach der Wende wiederaufgenommene Suche nach den Tätern brachte keine Ergebnisse. Die italienischen Opfer liegen seit einem halben Jahrhundert auf dem Waldfriedhof Zehlendorf. Sechzig Jahre nach den Morden reichten sich Vertreter aller drei Länder im Ehrenhain die Hände.

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