Stadtentwicklungssenator Michael Müller : "Ich war betroffen, nicht beleidigt"

Als Weggefährte von Klaus Wowereit plant Michael Müller die Zukunft Berlins – und provoziert Kritik. Zwei Monate, nachdem seine Pläne für das Tempelhofer Feld gescheitert sind, fragt sich, ob der SPD-Senator aus dem Schatten des Regierenden treten kann. Eine Stadtrundfahrt.

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Bis vor zehn Jahren stand der Arbeitersohn Michael Müller an der Druckmaschine. Nun plant er Berlins Zukunft – und provoziert Kritik.
Bis vor zehn Jahren stand der Arbeitersohn Michael Müller an der Druckmaschine. Nun plant er Berlins Zukunft – und provoziert...Foto: Mike Wolff

Verletzlich sei er und neige zu „schmollen“, wenn er Niederlagen erleidet. So wird über Michael Müller gesagt. Der Sozialdemokrat, der im Senat die Stadt entwickelt, die Umwelt schützt und nun auch die Versorgung mit Strom und Gas zurück in die öffentliche Hand holen soll. Zu wenig Profil, Charisma eher wenig, heißt es auch, ein Arbeiter halt, der sich durch Akten frisst und Sätze sagt wie diesen: „Berlin gehört zu den wachsenden Metropolen in Deutschland und wird der damit verbundenen Verantwortung in der Wohnungspolitik gerecht“ - was für ein Gefälle zu den markigen Gesten und Sprüchen seines langjährigen Weggefährten und Chefs im Senat, Klaus Wowereit. Ohne Wowereit wäre er wohl kaum da, wo er ist. Unterschätzt wird er deshalb schon mal. Nur von Wowereit vermutlich nicht, für den Müller so viel abgeräumt hat, wie wohl kein anderer Senator oder Kampfgefährte in der SPD.

„Man weiß ja nie, wie lange das gut geht“

Aber wie nähert man sich einem, der stets korrekt, aber etwas steif daher kommt, dessen Blick tief hinter der Brille oft ausweicht – aus Misstrauen? Wer Müller kennen lernen will, muss ihn aufsuchen dort, wo er für sich ist. In den eigenen vier Wänden, aber das ist nicht nur die Wohnung am Tempelhofer Damm, gegenüber von dem Feld, dessen Bebauung ihm das Volk verwehrte, es ist auch – sein Dienstwagen. Ein Mercedes der E-Klasse, schwarz, 163-Diesel-PS.

Wer wissen will, woher Müller kommt und was ihn antreibt, begleitet den Senator am besten bei einer Rundfahrt im Dienstwagen.
Wer wissen will, woher Müller kommt und was ihn antreibt, begleitet den Senator am besten bei einer Rundfahrt im Dienstwagen.Foto: Mike Wolff

Sozis und Autos, seit Gerhard Schröder sich in Armani und mit Cohiba ablichten ließ, ist die schnittige Limousine fast schon das passende Accessoire, um das Klischee vom Aufstieg des Arbeitersohns zum Politbaron zu bedienen. Müller würde ins Bild passen: Bis zum Jahr 2004 stand er noch selbst an der Druckmaschine, die Traueranzeigen oder Hochzeitskarten auf schwerem Papier ausspuckt. Fraktionschef war er da schon und Wowereit Regierender. „Man weiß ja nie, wie lange das gut geht“, sagt er auf die erstaunte Nachfrage. Erst als er auch noch Parteichef wurde, habe er in der Druckerei des Vaters aufgehört.

Abheben ist Müllers Sache nicht. Michael ist in der Familiengeschichte „seit Generationen der Erste mit einem Arbeitsvertrag“. Dass er eine Behörde mit 2000 Mitarbeitern führt und vom Fahrer mit schwarzem Mercedes durch Berlin gewiegt wird, sieht er fast als Zufall an. Planbar sei sie jedenfalls nicht gewesen, die Bankenkrise im Jahr 2001, „die kam über Nacht“ und sprengte die CDU-Herrschaft im Berliner Senat, katapultierte den Sozi Wowereit in den Regierungssitz – und auch Müller ins Zentrum der Macht.

Das neue Berlin
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Gut zweieinhalb Monate liegt die wohl schwerste Niederlage seiner Karriere nun zurück, als die Berliner ihm das Vertrauen entzogen für seine Baupläne auf dem Tempelhofer Feld. Sogar Rücktrittsforderungen wurden laut. Aber dann hätten viele aus dem Amt ausscheiden müssen, nicht zuletzt Wowereit, der noch kurz vor dem Volksentscheid die Sozialdemokraten auf das Projekt einschwor. Ein Segen ist das, dass Müller sich oft hinter der breiten Brust des Regierenden in Sicherheit wiegen darf. Aber auch ein Fluch. Weil er selbst mal als Nachfolger gehandelt wurde. Doch dafür müsste er aus Wowereits Schatten treten, wenn nicht sogar zum Königsmörder werden – aber ist ihm das wirklich zuzutrauen?

Bevorzugt er moderne oder historische Architektur? Müller zögert, weicht aus

Am Schloss hält der Wagen. Müller weist auf die hoch emporgewachsenen Mauern: „Das wird die Mitte komplett verändern.“ Der Blick von der Museumsinsel zur Breiten Straße ist nun versperrt. Und die Fassade wird nur dann ausschließlich auf der Rückseite modern gestaltet, wenn die Stiftung das Geld für den Schmuck zusammenbekommt. Ein Schloss-Gegner ist er nicht, er ist sogar für das „Humboldtforum“. Mit dem Namen werden die Nutzer des Schlosses bezeichnet und ihr Angebot: Bibliothek, Museen und Veranstaltungen im Inneren des Neubaus. Sie werden das Image Berlins als Schmelztigel und Treffpunkt der Weltkulturen befördern, glaubt Müller.

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