AUFTRITT DER WOCHE : Immer lauter

Berlin? „Wir denken alle daran, dorthin zu ziehen.“ Der britischen Sängerin Rose Kemp gefällt die deutsche Hauptstadt. Zum Goldmund-Festival nördlich von Berlin kommt mit Freunden aus der Bristol-Szene.

Markus Hesselmann
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Am liebsten nach Bristol. Sängerin Rose Kemp. -Foto: Chris Lucas

Berlin? „Wir denken alle daran, dorthin zu ziehen.“ Nun ist nicht damit zu rechnen, dass ganz Großbritannien demnächst in die deutsche Hauptstadt auswandert. Doch was die britische Sängerin Rose Kemp da sagt, beschreibt einen Blick auf Berlin, der unter jungen Künstlern in Großbritannien durchaus verbreitet ist: Da drüben in Deutschland liegt eine Stadt, die spannend ist und gleichzeitig entspannt. Sie ist aufregend, aber nicht aufreibend. Sie ist so ganz anders als London, die teuerste Stadt der Welt, in der gut leben kann, wer es geschafft hat. Wer sich Zeit nehmen will, um sich zu entwickeln, für den ist das hektische London womöglich nicht der richtige Ort.

Rose Kemp hat in London gelebt. Von dort ist sie erst mal nicht nach Berlin, sondern nach Bristol gezogen. Künstler wie Massive Attack, Tricky und Portishead haben die südwestenglische Stadt in den Neunzigern zum Zentrum des Trip Hop gemacht. Heute gibt es keinen Bristol-Sound mehr. Eine bestimmte Haltung, kein bestimmter Stil steht für eine neue Generation von Musikern aus Bristol: Glaubt dem Hype nicht. Lasst euch nicht hochjubeln und wieder runterschreiben. Lasst euch nicht gleichschalten – es gibt viel mehr spannende Musik als den einen Sound, der angeblich gerade Pflicht ist. „Hier gibt es keine Angeber“, sagt Rose Kemp. „Es geht um Musik, Kreativität.“

„Bristol hat eine unglaublich aktive, spannende, sehr junge Musikszene“, sagt Falko Teichmann, Veranstalter des Berliner Goldmund-Festivals, bei dem Rose Kemp an diesem Sonntag auftritt und mit Team Brick oder Men Diamler weitere Musiker aus Bristol. Goldmund steht für eine kleine Berliner Szene, die sich ihre Unabhängigkeit kompromisslos bewahrt: Keine Förderung, keine Sponsoren, alles soll sich so gerade rechnen. In Bristol haben die Goldmund-Leute Gleichgesinnte gefunden. Teichmann fährt oft hin. Rose Kemp hat er dort beim Auftritt in einem Pub-Hinterzimmer zum ersten Mal gesehen. „Mir ist die Luft weggeblieben“, sagt Teichmann. Ihre Musik sei „im positiven Sinne erschütternd“.

Rose Kemps Debütalbum „A Handful of Hurricanes“ bringt – der Name deutet es an – ruhige Stücke mit punktuellen Krachausbrüchen ihrer E-Gitarre zusammen. Zuweilen mischen sich die gegensätzlichen Klangelemente in einem Lied. Auf der wohl unvermeidlichen Suche nach Vergleichen kam ein Musikjournalist mit dem Etikett der „neuen PJ Harvey“. Rose Kemp hat nichts gegen die britische Sängerin, Gitarristin und frühere Freundin von Nick Cave. Den Vergleich aber findet die 22-jährige Songschreiberin nur allzu billig: „Aha, das ist also eine Frau da auf der Bühne, und das, was sie da umhängen hat, muss eine Gitarre sein. Hier haben wir die neue PJ Harvey.“ So ungefähr müsse sich das wohl im Kopf des Kritikers abgespielt haben.

Rose Kemp nennt Nick Caves frühere Band The Birthday Party als einen ihrer Einflüsse. Mit den späteren Stücken des australischen Sängers kann sie aber nichts anfangen. „Was soll ich mit Mörderballaden in amerikanischem Akzent? Ich finde, es muss etwas von dir selbst in deiner Musik sein.“ Rose Kemps Texte sind besonders stark, wenn sie in einem ganz eigenen lyrischen Stil scheinbar alltägliche Augenblicke beschreibt: die Zeit nach dem Aufwachen, wenn der Partner noch schläft („Morning Music“), einen verstörenden Tonfall in der Stimme zum Schluss eines zu schnell beendeten Telefongesprächs („Violence“).

In ihrem sehr melodischen Gesang ist Rose Kemps Herkunft aus der britischen Folkszene noch spürbar. Ihre Mutter Maddy Prior ist die Sängerin der Folkband Steeleye Span, ihr Vater Rick Kemp der Bassist. Schon als Teenager ist Rose Kemp mit ihren Eltern aufgetreten. Sie mag deren Musik, doch sie wollte sich trotzdem vom Folk emanzipieren, um ihren eigenen Stil zu entwickeln. Wenn Rose Kemp im Studio arbeitet oder auf der Bühne steht, können die Verstärker gar nicht groß genug sein. Dazu möglichst viele Effektgeräte. Ihre Musikerkollegen in ihrer Wahlheimat würden ihr helfen, immer lauter zu werden, sagt Rose Kemp. Sie dankt den Freunden in Bristol – und freut sich mit ihnen auf Berlin.

Das Goldmund-Festival findet am 4. und 5. August nördlich von Berlin statt. Genauer Ort und Anfahrtsweg werden erst kurz vor dem Festival bekanntgemacht. Das erhöht Spannung und Vorfreude. Wer dabei sein will, erfährt unter www.goldmundfestival.kliklak.net alles Weitere.

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