Ausgewogen : Das Ende der U-Bahn-Waagen

Peter Schulz war ein Original, pflegte die alten Waagen auf den U-Bahnhöfen Nun ist er gestorben. Die historischen Geräte hat ein Sammler aufgekauft.

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Unser Leser Carsten Witte hat sich von unserer Bildergalerie inspirieren lassen und hat selbst zwei Bilder geschickt. Diese Waage steht im U-Bahnhof Bernauer Straße. Senden auch Sie uns Ihre Leserbilder an leserbilder@tagesspiegel.de.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Carsten Witte
21.07.2011 08:40Unser Leser Carsten Witte hat sich von unserer Bildergalerie inspirieren lassen und hat selbst zwei Bilder geschickt. Diese Waage...

Sie waren ein Überbleibsel aus den Anfängen der Berliner U-Bahn, mehr als 80 Jahre alt und trotzdem funktionstüchtig. 58 Personenwaagen standen einst auf den unterirdischen Bahnsteigen der Stadt, zuletzt waren es 27. Nun sind auch sie verschwunden. Sie wurden verkauft, weil Peter Schulz, der sie seit den 80er Jahren pflegte, im Februar mit 72 Jahren verstarb und sich niemand fand, der sich weiter um sie kümmern wollte.

Geld hätten die Automaten ohnehin nicht mehr eingebracht, sagt Witwe Jeanette Schulz. Immer weniger Menschen hätten eine Münze in den Schlitz geworfen. Zuletzt hätten die Waagen gerade die Kosten für Standmiete und Strom erwirtschaftet, manche nicht mal das. Also mussten sie endgültig weg. Schwer fiel Schulz das nicht: Die Leidenschaft des Mannes teilt die Mahlsdorferin nicht.

Im 600 Kilometer entfernten Bassenheim bei Koblenz durchstöberte Claus Borgelt im Frühjahr das Internet nach Personenwaagen. Der 47-Jährige sammelt seit seiner Kindheit alles, was mit Gewichten zu tun hat, und will eine Dokumentation über solche Waagen schreiben. Auf dem Bild eines Geräts entdeckte er einen Zettel, „zu verkaufen“ stand da, daneben die Telefonnummer von Jeanette Schulz. Borgelt rief an und reiste nach Berlin. „Ich bin zwei Tage nur U-Bahn gefahren und habe die Waagen angeschaut“, erinnert er sich. Schulz machte ihm einen Sonderpreis und Borgelt kauft alle übrigen Waagen auf. Insgesamt 40 Stück standen noch in der Werkstatt von Schulz und in den Bahnhöfen. „Mein Sammlerherz hat euphorisch zugeschlagen“, sagt er. Dabei habe er eigentlich nur drei kaufen wollen. Doch dann habe er verhindern wollen, dass die schweren Stücke auf den Schrott kämen.

Jahrelang hatte Peter Schulz mit den Waagen die Rente aufgebessert, Groschen für Groschen. Damit die Maschinen funktionierten, fuhr er fünf Tage in der Woche mit einem Rucksack voller Werkzeuge und Ersatzteile durch Berlin. Der kleine Mann mit Schnauzer eichte, reparierte, tauschte aus. Die ersten Waagen hatte er in den 80er Jahren im Ostteil der Stadt erworben. Nach dem Mauerfall konnte er die Wiegeautomaten im Westteil günstig erstehen. „Er hat sie geliebt“, sagt Witwe Jeanette Schulz. „Es hat ihm solche Freude gemacht, sie wieder zum Laufen zu bringen.“ Dabei seien sie oft nach wenigen Tagen wieder beschädigt worden. Die Automaten lassen sich in mechanische und elektrische Modelle unterscheiden. Die mit Strom betriebenen haben eine Wiegekarte mit Datum und Gewicht ausgegeben.

Die übrigen Maschinen will Claus Borgelt herrichten, sie aufpolieren, Graffiti und Aufkleber entfernen, kaputte Scheiben ersetzen. In frühestens zwei Monaten sollen sie wieder aufgestellt werden. Aber nicht in der U-Bahn, dort sei es zu dreckig, zu oft werde randaliert. Borgelt will sie an Museen und Hotels in ganz Deutschland verleihen, auch in Berlin.

Die erste Personenwaage wurde 1913 am Alexanderplatz aufgestellt, hat Borgelt recherchiert. Hergestellt wurden die von der Firma Sielaff in Neukölln. Dort, die Firma ist nach dem Krieg nach Bayern umgezogen, gibt es kaum noch Informationen über die Waagen. Ein Feuer habe die Unterlagen damals zerstört, heißt es. Von den einst 58 Waagen ist nur noch eine an ihrem Standort übrig geblieben, im U-Bahnhof Bernauer Straße. Ein privater Käufer will sie dort bewahren, wo sie hingehört. Christoph Spangenberg

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