Stadtleben : Bei Anruf Wunschbild

Eine Neuköllnerin zeichnet persönliche Kunstwerke auf Papier

Tanja Buntrock

Frühlingsgefühle bei minus zehn Grad. Dazu ein Glas Latte Macchiato. Viel mehr als diese Stichwörter brauchte Barbara Wrede von ihrer Auftraggeberin nicht, um daraus ein Wunschbild zu machen. Heraus kam: eine Frau in einem Latte-Macchiato-Glas, ein Thermometer in einem Eiswürfel – und das alles vor giftgrünem Hintergrund. „Da ich wusste, dass die Frau keine Hunde mag und gerade von Männern die Schnauze voll hatte, habe ich noch Verbotsschilder für beide dazu gezeichnet“, erzählt die Künstlerin.

Barbara Wrede, 42 , sitzt in ihrem Neuköllner Atelier in der Friedelstraße und präsentiert ein Foto des Bildes, das längst bei der Auftraggeberin an der heimischen Wand hängt. „Vision by call“, zu Deutsch etwa: bei Anruf Wunschbild. Seit fünf Jahren bietet sie dieses nun neben ihren aufwändigen Bildserien, Hohlschnitten, Illustrationen und Kurzgeschichten an. Wer ein Wunschbild haben möchte, nennt der Künstlerin ein paar Begriffe: Barbara Wrede assoziiert, spielt mit den Wörtern und Bildern gedanklich in ihrem Kopf und fertigt am Ende ein Aquarell oder eine Schwarz-Weiß-Zeichnung an. „Je mehr Reizwörter, desto schwieriger wird es, weil zu viele Informationen mich einschränken“, sagt sie.

Die Idee kam zufällig zustande. Die studierte Malerin saß vor ein paar Jahren mit Freunden und Bekannten beim Essen zusammen. Es wurde über Menschen und Hunde parliert. Der Begriff „Schnappleine“ fiel. Und weil eine aus der Runde so gar nicht wusste, was das ist, zeichnete Barbara Wrede rasch auf einer Serviette einen Hund, der an einer Leine um die Ecke läuft und durch die Luft wirbelt, weil das Herrchen den Knopf der Hundeleine gedrückt hatte. Die Leute brüllten vor Lachen. Und jemand sagte: „Sie können ja auf Zuruf zeichnen.“ Nach ein paar Testläufen mit Freunden wurde daraus ein Geschäft – und die Aufträge wurden mehr und mehr. So bestellte ein passionierter Hobby-Fußballer ein Bild, das dokumentierte, wie er sich beim Spielen einen Bänderriss zuzog. Ein anderer Mann schrieb ihr, seine Frau sei weg. Er wolle sich nun das Bild einer wunderschönen Frau in den Flur hängen, und seine zwei Kinder sollten auch irgendwie vorkommen. Barbara Wrede zeichnete Botticellis Venus in der Muschel. Für die Kinder auf dem Bild war kein Platz, also malte sie eine Postkarte mit den Worten „Grüße von der Klassenfahrt“ dazu.

Was sich anhört wie schnell hingezeichnet, sei „harte Arbeit, bei der ich oft Blut und Wasser schwitze“, schildert sie. Wrede, die in Niedersachsen geboren ist und seit 1995 in Neukölln lebt, sitze oft stundenlang am Zeichentisch. Dort kritzele sie erst einmal vor sich hin. Irgendwann entstünden erste Skizzen, bis am Ende das Kunstwerk so sei, wie es sein solle. Zwischen 250 Euro (A5) und 900 Euro (A3) kostet ein Wunschbild.

„Fingerübung auf Papier“ nennt sie ihre Auftragskunst. Und wenn die Ideen mal stocken oder die Finger kalt sind, weil das Atelier nicht beheizt werden kann, dann macht Barbara Wrede Oberarmübungen am Punching-Ball: Er steht mitten im Atelier. Tanja Buntrock

Kontakt gibt es unter Telefon 6246183 oder www.visionbycall.de.

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