BVG-Streik : Vier Tote beim Streit um zwei Pfennig

"Kein Pfennig Lohnraub bei der BVG": Der Streik im Jahr 1932, angezettelt von Kommunisten und Nationalsozialisten, war weit mehr als ein simpler Tarifkonflikt.

Andreas Conrad
BVG
1932: Ein Streikposten neben einer Straßenbahn. -Foto: akg

„Keine Streikmehrheit bei der BVG!“ Die Leser der Zeitschrift „Vorwärts“ werden geflucht haben, als ihnen am 3. November 1932 diese Schlagzeile entgegensprang. Keine Mehrheit? Aber warum dann Streik? Fast nichts ging mehr an diesem Morgen. Streikposten vor den U-Bahn-Eingängen, vor den Depots der Busse, Bahnen, Trams. Der Potsdamer Platz, sonst der verkehrsreichste Europas, blieb, ohne sein hektisches Gebimmel und Gehupe, fast gespenstisch leer. Wenn etwas klingelte, dann allenfalls die zahllosen Radfahrer, die plötzlich auf die Straßen drängten. Jeder behalf sich, so gut es ging, wich auch auf die S-Bahn aus, bei der das Geschiebe und Geschubse rasch bedrohliche Ausmaße annahm.

Der Streik war illegal, dennoch nahmen die Berliner ihn anfangs gelassen, durchaus mit gewisser Sympathie. Rasch aber spitzte er sich zu, wurde radikaler, bei Weitem kein normaler Arbeitskampf, sondern ein von der extremen Linken wie Rechten angeheizter Konflikt, in dem es beiden ums Ganze – um die Macht ging. Bald wurden Schienen mit Planken, Holzstämmen und Ähnlichem blockiert oder gar mit Zement ausgegossen, Oberleitungen wurden zerstört, Busse und Straßenbahnen mit Steinhageln empfangen, die arbeitswilligen Fahrer verprügelt. Sie erhielten zu ihrer Sicherheit Geleitschutz von der Polizei, die zahlreiche Streikposten und Funktionäre verhaftete, auch ohne Weiteres zur Waffe griff, mit tödlichen Folgen: Drei Streikende und eine unbeteiligte Frau starben durch Polizeikugeln.

Dabei waren der Anlass nur zwei Pfennige, die die BVG ihren Mitarbeitern als Kürzung vom Stundenlohn abverlangte. Die Wirtschaftskrise hatte auch das 1928 auf Initiative des damaligen Verkehrsstadtrats Ernst Reuter (SPD) gegründete Unternehmen schwer getroffen, das sein Heil in einer Kostensenkung zulasten der 22 000 Beschäftigten suchte. Anfangs waren 14 bis 23 Pfennig pro Stunde verlangt worden, doch hatte die zuständige Gewerkschaft den Kompromiss von nur zwei Pfennig weniger herausgehandelt.

Die Kommunisten, organisiert in der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO), sahen in der anstehenden Lohnkürzung dennoch eine Möglichkeit, einen Streik anzuzetteln, den Berliner Nahverkehr und die ganze Stadt lahmzulegen und sich dadurch womöglich einem Generalstreik zu nähern. „Keinen Pfennig Lohnraub bei der BVG!“ wurde als Losung ausgegeben, die Leitung der Aktion hatte Walter Ulbricht, ZK-Mitglied der KPD, der sich dabei bald Seite an Seite mit dem Berliner Gauleiter der NSDAP, Joseph Goebbels, auf einer Rednertribüne fand. Denn auch die Nationalsozialisten sahen in dem BVG-Tarifstreit eine Möglichkeit zur Attacke auf das verhasste Weimarer System und waren bei der Wahl ihrer Verbündeten so wenig wählerisch wie die Kommunisten. Während diese aber ohnehin ihren Hauptgegner nicht in Hitler & Co. sahen, sondern, getreu der von Moskau vorgegebenen Linie, in den „Linksfaschisten“ der SPD, hoffte Goebbels gerade für die am 6. November 1932 geplante Reichstagswahl auf Stimmengewinne unter den Arbeitern.

Schon am 29. Oktober trafen sich Vertreter der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) mit KPD-Funktionären zur Vorbesprechung, bei einem zweiten Treffen tags darauf im Karl-Liebknecht-Haus, der KPD-Zentrale, wurde schon eine „Zentrale Streikleitung“ festgelegt. Der Gesamtverband der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs, der den Kompromiss mit der BVG ausgehandelt hatte, war gegen Streik, gab der Agitation von Kommunisten und Nationalsozialisten aber nach und organisierte eine Urabstimmung aller Arbeitnehmer am 2. November. Dabei waren die meisten für Streik, doch die erforderliche Dreiviertelmehrheit wurde verfehlt.

Die optimistische „Vorwärts“-Schlagzeile war also juristisch korrekt, wurde jedoch von der politischen Wirklichkeit überrollt. Kommunisten und Nationalsozialisten gaben die Abstimmung als Sieg aus, die Streikmaschine lief an: „Keine einzige Karre darf am 3.11. früh mehr ausfahren. Ab halb vier Uhr früh sind alle Bahnhöfe und Depots mit Posten zu besetzen.“

Die Reichsregierung verbot vorübergehend das KPD-Organ „Rote Fahne“, die BVG setzte auf die zahlreichen Arbeitswilligen der im Gesamtverband organisierten Arbeitnehmer – schließlich war es ein wilder Streik. Doch angesichts der von KPD und NSDAP organisierten gewaltbereiten Massen kam der öffentliche Nahverkehr bald völlig zum Erliegen. Ihren Höhepunkt erreichten die Straßenschlachten am 4. November, angesichts der vier Toten sprach die KPD später vom „Roten Freitag“.

Die Reichstagswahl zwei Tage darauf brachte der KPD hohe Gewinne, in Berlin wurde sie stärkste politische Kraft. Die NSDAP verlor Stimmen, nicht aber in Berliner Arbeitervierteln, und blieb stärkste Partei. Der Streik ging am 7. November zu Ende, erreicht wurde nichts. Es blieb bei den zwei Pfennig Lohnkürzung.

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