Character Design : Karriere wie im Bilderbuch

Seit Donnerstag läuft „Alice im Wunderland“ im Kino. Die Figuren hat ein Berliner im Exil entwickelt: Wie Michael Kutsche der Vater des weißen Kaninchens wurde.

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326536_0_1a091bdb.jpg Foto: Kutsche
Michael Kutsche, 32, vor einem seiner Ölgemälde.Foto: Kutsche

Den kompletten Film hat er erst am vorigen Mittwoch gesehen, bei der Sondervorführung für die Crew in Los Angeles. Michael Kutsche war ziemlich baff, was da alles über den Bildschirm flog, kroch, krabbelte. Obwohl: Ganz fremd waren ihm die Fantasie-Wesen nicht. Er hat sie schließlich entworfen.

Seit Donnerstag läuft „Alice im Wunderland“ in den deutschen Kinos. Viele der Figuren hat ein 32-jähriger Berliner entwickelt: erst mit Bleistift auf Papier, dann eingescannt und am Computer gefärbt. So machen das die „Character Designer“. Michael Kutsche zählt in L.A. mittlerweile zu den gefragtesten.

Vor zwei Jahren hat er noch in Prenzlauer Berg gelebt. In seiner Wohnung in der Danziger, Ecke Dunckerstraße, ein Zimmer nutzte er als Atelier. Irgendwann kam er auf die Idee, seine bisherigen Arbeiten ins Internet zu stellen. Falls es mal irgendwen interessieren sollte. Dann kam der 17. April 2008, ein Donnerstag. Und die Mail von Sony. Ob Kutsche nicht Lust habe, bei einer größeren Filmproduktion mitzumachen, stand da. Klar hatte er Lust, obwohl er noch gar nicht wusste, dass es um Alice ging.

Später durfte er Regisseur Tim Burton in dessen Londoner Büro besuchen. Er war überrascht, dass seine eigenen Entwürfe dort schon an den Wänden hingen. Für das Projekt konnte sich Kutsche kreativ austoben: Er gestaltete die Raupe Absolem, das weiße Kaninchen, die Grinsekatze, die rote Königin. Weil die Produktion unter Zeitdruck stand, arbeitete er noch an einigen Figuren, als die Dreharbeiten bereits liefen. Deshalb war er häufig am Set, zuerst im englischen Plymouth, später auch in Kalifornien, dort bezog er einen Wohnwagen in unmittelbarer Nähe zum Drehort. Hektisch ging es zu, sagt Kutsche, überall gestresste Leute mit Knopf im Ohr. Und mittendrin immer Johnny Depp, der viel Quatsch machte. Der Tim Burtons Kopf aus einem Foto schnitt und ihn auf das Cover eines Bodybuildermagazins klebte. Ein Superstar, der sich kein bisschen so gibt, sagt Kutsche. Wie angenehm.

Wäre es nur nach dem Berliner gegangen, sähen die Figuren im Wunderland ein bisschen anders aus. Seine ersten Entwürfe waren schräger, düsterer, „vielleicht nicht ganz familientauglich“. Die Rüstung des Herz-Buben etwa bestand bloß aus Hautfetzen und Lymphbahnen. Da hat er sich von Gunther von Hagens Körperwelten inspirieren lassen, sagt Kutsche. Die Filmleute fanden seinen Entwurf interessant. Und baten schnell um einen neuen.

Seit anderthalb Jahren lebt Kutsche jetzt mit seiner Frau in Los Angeles, ein Auftrag folgt dem nächsten. Er hat die Figuren für „Thor“ entwickelt, der Riesenproduktion mit Natalie Portman, die nächstes Jahr ins Kino kommt. Derzeit fährt er jeden Morgen mit dem Auto eine Stunde von seiner Wohnung in Venice bis nach Glandale, dort stehen die berühmten Dreamworks-Studios. Woran genau Kutsche gerade arbeitet, darf er nicht verraten, das Projekt ist noch geheim. Er sagt, er habe auf seinem Computer ständig die Übersetzungsseite leo.org geöffnet, um jederzeit nach fehlenden Vokabeln suchen zu können. Doch wenn man mit ihm telefoniert, und ein Kollege platzt in sein Büro und will etwas wissen, dann spricht Kutsche bereits mit breitem kalifornischen Akzent – und klingt gar nicht wie einer, der schnell wieder nach Hause möchte.

Auch die „Los Angeles Times“ ist auf den Deutschen aufmerksam geworden, sie führte ein Interview und beschrieb seinen Werdegang als „Cinderella-Story“.

Eigentlich wollte er seine Wohnung in der Danziger Straße behalten, nur so für alle Fälle. Doch dann lief dem Untermieter die Spülmaschine aus, und Kutsche merkte, dass sich solche Probleme schwer von einem anderen Kontinent aus regeln lassen. Wenn er mal Kinder hat, sollen die in Berlin aufwachsen. Vorher will Michael Kutsche mit seiner Frau aber noch einige größere Projekte auf die Beine stellen. Zum Beispiel ein Kinderbuch schreiben. Und das dann verfilmen. Klingt ganz schön ambitioniert. Aber wer ihn davon schwärmen hört, hat keine Zweifel am Gelingen. Zur Not wird sicher irgendwer eine Mail schreiben.

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