Grillwalker am Alexanderplatz : Es geht um die Wurst

Gleich vier Firmen buhlen am Alexanderplatz mit ihren tragbaren Grill-Geräten um Kunden. Und die Zahl der Verkäufer nimmt weiter zu. Was ist hier los? Selbst die „New York Times“ wundert sich.

von
Team Orange. 1,20 Euro kostet die Wurst im Brötchen, an Imbiss-Ständen zahlt man leicht mehr.
Team Orange. 1,20 Euro kostet die Wurst im Brötchen, an Imbiss-Ständen zahlt man leicht mehr.Foto: Paul Zinken

Sie heißen Grillwalker und Grillrunner, stehen aber wie festgewachsen im Menschenstrom vor dem Kaufhof am Alexanderplatz. Zwischen ihnen ein Griller im Rollstuhl, bewegungslos und etwas missmutig. Seine um den Leib gezimmerte Grillbude sieht deutlich einfacher aus als die Bauchladen-Rucksackkonstruktionen der Konkurrenz. Reden möchte er auf keinen Fall.

Friedlich warten sie nebeneinander in der Kälte auf die hungrige Laufkundschaft, aber eigentlich ist es „ein Machtkampf“, sagt Grillwalker Jens Meyer, ein Jeder-gegen-Jeden, das schon mal in Handgreiflichkeiten münde, wenn einer die Würstchen des anderen madig mache. Meyer, gelernter Maler und Lackierer, war sieben Jahre arbeitslos, bevor ihm das Arbeitsamt den Grillwalkerjob vermittelte. 1200 Euro verdiene er brutto. „Ich habe zwei Kinder zu versorgen, bin zufrieden, überhaupt einen Job zu haben.“

Seit 13 Jahren gibt es sie schon, die Bauchladengriller, aber so viele wie jetzt waren es noch nie. Auf dem Alexanderplatz und am Fernsehturm sind am Wochenende bis zu 15 von ihnen aktiv. Vier Firmen teilen sich die lukrativsten Standplätze vor den U-Bahn- Eingängen und Shoppingcentern. Der Bezirk Mitte ist relativ großzügig mit den Genehmigungen. Charlottenburg- Wilmersdorf, Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg verhielten sich dagegen ablehnend, klagen die Firmenchefs.

Auf den Internetseiten der Firma Grillrunner kann man lesen, warum das Geschäft floriert. Bei 400 verkauften Würstchen am Tag lasse sich im Jahr ein „Betriebsergebnis“ von 90 000 Euro erzielen. Der Preis für die bewährte Kombination aus Würstchen, Brötchen und Ketchup: 1,20 Euro. An einem stationären Grill-Imbiss zahlt man leicht das Doppelte.

Manche Verkäufer empfinden sich als "halb Mensch, halb Grill"

Michael Schmidtke hatte mal eine Diskothek in der DDR, ein Hotel in Tschechien und eine Cateringfirma für Wochenmärkte. Ist alles irgendwie bankrott gegangen. Nun steht der 48-Jährige mit Grillwürstchen vor dem Saturn-Eingang und weiß nicht, ob er darüber lachen oder weinen soll. „Halb Mensch, halb Grill“, sagt er über sich selbst. Ihm gegenüber steht ein Grillrunner, der Schmidtkes Betriebsergebnis um rund 50 Prozent schmälert. Schmidtke ist nicht angestellt wie Meyer, sondern arbeitet auf Provision. Deshalb sucht der Kleinunternehmer nach einem besseren Standort.

Fast hätte er es geschafft, vor dem Mauermuseum Massen hungriger Touristen exklusiv mit German Sausage zu versorgen. „8000 Euro Jahresmiete habe ich geboten“, sagt Schmidtke, aber die Hausleitung lehnte ab.

Erfinder des Bauchladengrills ist der Berliner Bertram Rohloff. Dafür hat ihn schon die „New York Times“ gewürdigt. Ein Video auf deren Onlineseite titelte: „Grillwalker rocks Berlin“. Mit der Expansion in die USA hat es bisher nicht geklappt. „Dort zahlt ein Hot-Dog-Verkäufer 30 000 Dollar Standgebühr im Jahr.“ Die Sondernutzung für Bauchladenverkäufer in Berlin koste nur 100 Euro im Monat. Dafür stehen Japan, Südafrika und Kolumbien auf Rohloffs Kundenliste. Den patentgeschützten Grillapparat verkauft er für 5000 Euro auch an Private.

Das neueste Konzept sind die sogenannten Rollstuhlgriller

Über sein Patent versuchte Rohloff bislang vergeblich, die Konkurrenz auszuschalten. Erst kamen die Russen mit ihren Rollstühlen. Grill plus Rollstuhl, das reichte für ein eigenes Gebrauchsmuster. Rohloffs Beschwerde wurde abgewiesen. Vor zwei Jahren machte sich dann ein Grillwalker selbstständig und baute die Konkurrenz Grillrunner auf, mit eigens entwickelter Grillaufhängung. Dagegen hat Rohloff ebenfalls Klage eingereicht.

Zweifelhaft erscheinen ihm auch die Rollstuhlgriller. „Die humpeln ein bisschen“, das reiche dann, um vom Behindertenbonus zu profitieren, sagt er. Valery Vald, ein freundlicher Russe, der am S-Bahnhof Alexanderplatz verkauft, erzählt von seinen künstlichen Hüftgelenken. Als Schweißer und Verpacker habe er damit nicht mehr arbeiten können. Also verkauft er seit vier Jahren Würstchen im Rollstuhl. Lange stehen wie die anderen Verkäufer könne er halt nicht.

Auch den Grillwalkern geht nach zwei Stunden Stehen die Puste aus. Deshalb arbeiten sie immer als Duo. Einer schnallt den Grill um – voll beladen etwa 30 Kilo schwer –, der andere besorgt Nachschub oder vertritt sich die Beine. Nach zwei Stunden kommt der Wechsel. Man ist eben nur halb Grill.

Autor

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben