Israelis in Berlin : "Berlin lässt dich viele Personen in einer sein"

Mit Kultur und Party präsentiert sich die Hauptstadt in Tel Aviv. Dabei bräuchte es kaum Werbung – für viele Israelis ist die Stadt zum Sehnsuchtsort geworden.

Lissy Kaufmann
Ilan Goren
Ilan GorenFoto: Promo

„Berlin überrascht dich, wenn du es nicht erwartest“, beschreibt der Israeli Ilan Goren seine Liebe zur deutschen Hauptstadt. „Du stolperst über Geister und hängst mit lebenden Freunden rum. Du wirst von der unerträglich traurigen und erzürnenden Geschichte getroffen und einer äußerst bequemen Gegenwart – beides kommt hier zusammen. Berlin lässt dich viele Personen in einer sein.“ Der 39-Jährige, der zwei Jahre für einen israelischen Fernsehsender aus Berlin berichtete, hat über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben: „Wo bist du, Motek“ erscheint im November im Graf Verlag.

In Berlin, so erzählt Ilan, hatte er seine wildesten Nächte und bizarrsten Erfahrungen. Eine davon war eine Nachtparty, auf der er gefilmt hat. Gleichzeitig hat er hier mit dem Joggen begonnen, „durch die großartigen Stadtparks“ und ist den Berlin Marathon gelaufen. Ilan hätte als Europakorrespondent auch nach London oder Paris gehen können. Doch er wollte nach Berlin. „Es war, als ob ich Berlin vermisst hätte, obwohl ich vorher niemals dort war.“ Er zog nach Prenzlauer Berg, eine der vielen Hochburgen der Israelis in Berlin. „Ich erinnere mich an Tage, an denen ich auf der Kastanienallee wirklich viel Hebräisch gehört habe.“ Obwohl Ilan das gerade nicht wollte – wieder Teil der israelischen Gemeinschaft werden. In Israel spiele diese eine große Rolle. Israelis in Berlin wollten dem eine Zeit lang entfliehen und sie selbst sein, unabhängig von Reisepass und Religion. Doch irgendwann vermisse man Israel – das Essen, die Musik, die Sprache, die Freunde. „Dann endest du früher oder später auf den Meschugge-Partys, die ein israelischer DJ organisiert und wo Israelis und Deutsche gemeinsam zu Songs wie Dschingis Khan und Halleluja hüpfen und sich betrinken.“ Oder man geht in eines der israelischen Hummus-Restaurants.

Schätzungsweise mehr als 17 000 Israelis in Berlin

So oder so ähnlich geht es schätzungsweise mehr als 17 000 Israelis in Berlin. Diese Zahl nannte der deutsche Botschafter in Israel, Andreas Michaelis. Bei seinen Besuchen in Berlin höre er in der U-Bahn viele Israelis, die auf Hebräisch ihre Abendpläne diskutierten.

Und weil die Stadt im Nahen Osten so beliebt ist, gibt es jetzt mehr als fünf Wochen lang die „Berlin Dayz“. Fotografen, Musiker und Theaterleute kommen nach Tel Aviv und in andere Städte zu mehr als 60 Veranstaltungen. „Mein Vorgänger Klaus Krischok hatte den Berlin-Hype erkannt und die Berlin Dayz initiiert, die vom Auswärtigen Amt und von Berlin Partner finanziell unterstützt werden“, erklärt die Leiterin des Goethe-Instituts in Israel, Heike Friesel. Sie weiß, dass viele der Sprachschüler am Goethe-Institut entweder bereits im „Mekka der Kreativen“ gewesen sind oder dorthin wollen. „Die Stadt ist offen und freier, das macht es für uns Israelis dort leichter im Vergleich zu anderen deutschen Städten“, ergänzt Buchautor Ilan Goren. Es war aber auch seine Familiengeschichte, die den Israeli mit deutschen Wurzeln nach Berlin trieb. „Meine Mutter sprach deutsch, hat uns vor dem Einschlafen Max und Moritz vorgelesen und lobte die deutsche Wertarbeit. Und schwärmte von Ritter Sport.“

In Berlin lässt es sich "gemütlicher leben"

Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld: Die Mieten in Israel sind hoch, Nahrungsmittel teuer. Daran haben die Proteste der Bevölkerung im Jahr 2011 wenig verändert. Eine Zeitung schrieb jetzt, das Durchschnittseinkommen in Israel liege nur bei knapp 50 Prozent von dem der Deutschen. Israels Finanzminister Yair Lapid hat seine Landsleute für den Wegzug aus finanziellen Gründen kritisiert. Er habe wenig Verständnis für Israelis, „die bereit sind, das einzige Land, das die Juden haben, wegzuwerfen, weil es sich in Berlin gemütlicher leben lässt“.

Der Minister entstammt einer Generation, die etwas Großes – Israel – aufbauten und denen es darum ging, dass es dem Land gut gehe, erklärt Asaf Moses. Der 31-Jährige kam vor neun Jahren nach Deutschland, weil er im Ausland studieren wollte und dies in Berlin nahezu kostenlos möglich war. „Die neue Generation stellt nun aber fest: Mir selbst geht es finanziell schlecht – trotz guter Ausbildung und gutem Job.“ Für Asaf steht fest, dass Berlin die einzige deutsche Stadt ist, in der er leben möchte – „genauer gesagt sogar nur Kreuzberg“. Seine ersten Monate in Berlin am Wittenbergplatz seien unangenehm gewesen. „Das war wie in einem Gefängnis. Als Israeli brauchst du mehr Freiheiten, wenn es zum Beispiel darum geht, wie laut man sein darf. Die hat man in Kreuzberg.“ Nach seinem VWL-Studium an der Humboldt-Universität gründete Asaf mit einem Freund das Start-up „Upcload“. In Deutschland kam er leichter an Startkapital. Dennoch glaubt Asaf, dass der finanzielle Aspekt nur eine kleine Rolle spielt. „Für viele ist Berlin ein Zufluchtsort. Man braucht für Israel die passende DNA, muss mit der Aggressivität, der gewissen Härte zurechtkommen. Nicht jeder kann das.“ Von einer unterschwelligen Spannung in Tel Aviv spricht auch Ilan Goren. Eine „supercoole Stadt“, aber die Leute würden stets 190 Prozent geben: „Man kann in Berlin freier atmen. Es ist leichter, erfrischender, überraschender.“ In Israel, finden Ilan und Asaf, sei die Gemeinschaft, der Clan, die Familie wichtig. Israelis in Berlin wollten dem entfliehen. So leicht, wie das heute ist, war es für Asaf vor neun Jahren nicht. „Wir können dich dort auf keinen Fall dort besuchen“, hätten Freunde zu ihm gesagt. „Interessanterweise sind das genau die, die nun nach Berlin ziehen wollen.“

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