Martensteins Expeditionen : Unruhig in Friedrichshain

Am Boxhagener Platz erkennt unser Autor: Leute, die "Yuppie fuck off" an die Wand sprühen, erreichen am Ende das Gegenteil. Ein kleines Lehrstück der urbanen Soziologie. Berliner Expeditionen, Teil 2: Friedrichshain.

Harald Martenstein

Mit den Namen der Modegeschäfte geben sie sich hier fast so viel Mühe wie anderswo mit den Namen der Friseure. Sie heißen „Gefühlsanstalt“ oder „Prachtmädchen“. Die Boxhagener Straße heißt bei den Bewohnern „Boxe“, während sich für den Boxhagener Platz die Bezeichnung „Boxi“ eingebürgert zu haben scheint.

Boxhagen, so hießen im 19. Jahrhundert ein Dorf und ein Gutshof. Heute ist Boxhagen samt Boxe und Boxi ein Teil von Friedrichshain, ähnlich wie Stralau oder die Frankfurter Vorstadt. Wenn man durch dieses Viertel geht, fallen die zahlreichen Läden auf, die renoviert oder umgebaut werden oder in die gerade eingezogen wird, zweitens die Kneipendichte, drittens die Vielzahl der Inschriften auf den Häusern, zu deren Entschlüsselung allerdings Insiderwissen erforderlich ist. „Schwarzer Kanal bleibt!“ – „Köpi oder wat???!!!“ Die meisten Inschriften sind im Imperativ.

Dieses Viertel ist im Aufbruch. Dieses Viertel ist politisch. In diesem Viertel amüsiert man sich.

Auf dem Boxhagener Platz gibt es zwei Spielplätze, eine Liegewiese, ein nach historischem Vorbild detailgetreu neu errichtetes Pinkelhäuschen, Jugendstil vermutlich, und einen etwas schlichteren Pavillon mit dem Café der Organisation Karuna, die sich um drogenabhängige Jugendliche kümmert. Markt und Flohmarkt sind traditionelle Höhepunkte des Wochenendes. Es ist ein schöner Platz, angeblich der einzige in Berlin, der immer noch Haus für Haus genauso dasteht wie um 1900 herum, als die Stadt B. das Dorf B. schluckte.

Um die Ecke, in der Gärtnerstraße, steht einer Hauswand: „Yuppie fuck off!“ Angeblich steht auch irgendwo „Schwaben raus!“. Aber diese Aufschrift habe ich nicht gefunden. Die Schwaben wischen sie vermutlich immer wieder weg.

Boxhagen mit seinen Kneipen, seinen Klubs und Bioläden erinnert an Kreuzberg, vielleicht sogar an das alte, politischere Kreuzberg von vor 20 Jahren, bevor am Chamissoplatz und an der Bergmannstraße die Freude am Genuss das Leiden am BRD-Kapitalismus in den Hintergrund gedrängt hat. Die Unruhen der Walpurgisnacht verlagern sich ja auch allmählich hierher. Es wirkt so, als sei der Treck der westdeutschen rebellischen Jugend, der in den 70ern und 80ern nach Kreuzberg führte und in den 90ern endete, wieder aufgenommen worden, nachdem in einer Zwischenphase die eher unpolitische „Ich mach was mit Medien“-Generation ihre Karriereträume und Latte-macchiato-Räusche in Mitte ausgelebt hat.

Entscheidender Unterschied: Es gibt wenige Ausländer hier, jedenfalls weniger als in Kreuzberg, und es gibt keine 68er. Der 68er ist eben ein reines Westphänomen. Wenn man hier einen älteren Herrn sieht, der aus einer Tür herauskommt, dann ist es kein grauhaariger Rechtsanwalt mit Aktenmappe, der in seinen restaurierten alten Citroen steigt, sondern ein tätowierter Langhaariger mit erstaunlichen Bizeps, der mit malmenden Kinnmuskeln eine Kiste Bier trägt.

Der Bezirk Friedrichshain hat unter diesem Namen genau 69 Jahre bestanden, und zwar von 1920 bis 1933 sowie von 1945 bis 2001, als Friedrichshain mit Kreuzberg vereinigt wurde. Von 1933 bis 1945 hieß Friedrichshain Horst-Wessel-Stadt. Wessel, der von den Nazis nach seiner Ermordung zum Märtyrer erklärt wurde, hätte mit seinem biografischen Hintergrund eigentlich ganz gut in das heutige Friedrichshain gepasst: 22 Jahre, Pastorensohn, abgebrochenes Jurastudium, Taxifahrer. In seiner Freizeit Autor pathetischer Gedichte. Eine Zeitlang war er in der SA. Als ihm von einem Zuhälter und KPD-Mitglied in seiner Wohnung in der heutigen Karl- Marx-Allee in den Mund geschossen wurde, hatte er sich von den Nazis allerdings schon halb abgewandt, er sah sich als Linken, Hitler war ihm zu bürgerlich geworden. Außerdem lebte er mit einer Prostituierten zusammen. Der Streit, der ihn das Leben kostete, war wahrscheinlich unpolitischer Natur, möglicherweise ein Streit unter Zuhältern. Vor ein paar Jahren haben Autonome das Grab von Horst Wessel in der Mollstraße geöffnet, den Schädel abgetrennt und in die Spree geworfen. Aber auch das war, wie fast alles in Horst Wessels glückloser Existenz, eine tragikomische Verwechslung: Sie haben den Schädel seines Vaters erwischt.

Jahrzehntelang ist Friedrichshain eine Hochburg von SPD und KPD gewesen, extrem dicht besiedelt, arm, 340 000 Einwohner zum Zeitpunkt des Horst-Wessel-Vorfalls, geprägt vom Osthafen und den Osram-Werken, die in der DDR-Zeit in „Narva“ umbenannt wurden. Heute befinden sich der Musiksender MTV und die Universal-Studios in Friedrichshain, das nur noch 110 000 Bewohner hat, etwa 20 000 davon im Boxhagener Kiez. Eine Gegend, in der früher dreimal so viele Leute gewohnt haben wie heute, muss über Wohnungen verfügen, die nicht allzu teuer sind.

Wer im Internet Informationen über diese Gegend sucht, stößt immer wieder auf den Begriff „Gentrification“. Damit ist gemeint, dass wohlhabende Menschen die weniger wohlhabenden Menschen aus ihrem Viertel vertreiben, einfach nur, indem sie dort hinziehen und einen allmählichen Anstieg der Preise bewirken. Die Stadt ist allerdings fast überall und ständig in Bewegung. Der Gedanke, die soziale Struktur der Stadt an einem bestimmten Tag für immer einzufrieren, klingt nicht besonders realistisch.

In Boxhagen läuft seit 1990 etwas ab, was es in den Jahrzehnten davor nicht nur in Kreuzberg gegeben hat, sondern auch an den Pariser Markthallen. Ein Viertel, das arm ist und scheinbar nicht besonders attraktiv, zieht durch seine niedrigen Mieten diejenigen an, die neu in die große Stadt strömen, die Jungen und die nachtaktive Boheme, die ihrerseits neues Geschäftsleben in das Viertel zieht, Kneipen, Bars, Klubs. Die alte Bevölkerung mag die neuen Geräusche und das bunte Getändel weniger, ihre Zahl verringert sich in den folgenden Jahren mithilfe des Sensenmannes sowie durch Wegzug. Eigentlich sind die Ureinwohner also die ersten Vertriebenen, aber das machen sich die „Yuppie fuck off“-Wandbemaler in der Regel nicht gerne bewusst.

Wenn das Viertel dann, wie man gern sagt, „bunt“ geworden ist, taucht am Horizont tatsächlich der Besserverdienende auf. Er will das hier keineswegs kaputt machen, im Gegenteil, er mag es, deswegen kommt er ja. Aber das, was man möchte, und das, was man tatsächlich bewirkt, ist nicht immer das Gleiche.

In der Zeitung steht dann: „Ein Problembezirk wandelt sich zum Szeneviertel“. Jedes Szeneviertel der Welt muss zunächst einmal ein Problembezirk gewesen sein, so wie der Schmetterling erst einmal Raupe gewesen sein muss. Bei den Soziologen gelten die Studenten, die Freaks und die jungen Linken deshalb seit Jahrzehnten als „Pioniere von Aufwertungsprozessen“. Der Typ, der „Yuppie fuck off“ an die Wand sprüht, ist also genau derjenige, der, auf mittlere Sicht, den Yuppie herbeiholt.

Damit dieser soziale Prozess in Gang kommt, muss es Altbausubstanz geben. In Neubaugegenden hat es jedenfalls bisher noch nie funktioniert. Eine Straße, der man eine große Zukunft prophezeien kann, ist deshalb die Knorrpromenade, wo ein säulengeschmückter Prachtbau neben dem anderen steht, Vorgärten, Erker, ruhig und trotzdem urban. Sie wurde vor dem Ersten Weltkrieg als Insel des Großbürgertums im proletarischen Friedrichshain errichtet.

Im günstigsten Fall entsteht eine zumindest für einige Jahre halbwegs stabile Mischung aus Milieus und Gehaltsklassen wie in manchen Teilen von Kreuzberg, im ungünstigen Fall eine Monokultur wie in manchen Teilen von Mitte. Am Boxhagener Platz ist das noch nicht entschieden. Ein Bekannter sagte einmal, dass es die alleinstehenden alten Frauen seien, die Kleinrentnerinnen, die Omis, an denen er erkenne, ob ein Viertel noch intakt sei. Omis bedeuten, dass es noch Ureinwohner und billige Wohnungen und Mischung gibt.

Nach drei Stunden habe ich in der Nähe des Boxhagener Platzes eine Omi gesehen. Es blieb an diesem Tag aber die einzige.

Arne Brix fällt nicht auf in dieser Gegend, Borstenhaare, coole Brille, Jahrgang 1977. Er ist aber insofern ein Sonderfall, als er hier in der Nähe geboren wurde und fast sein ganzes Leben in Friedrichshain verbracht hat. Außer ihm würden ja inzwischen fast alle hier aus Baden-Württemberg stammen. Die These von der schwäbischen Invasion, die man auch in Kreuzberg oft hört, hängt sicher damit zusammen, dass die meisten Süddeutschen ihre Mundart nie ganz wegbekommen. Niedersachse und Westfale können sich einfach besser tarnen.

Brix, gelernter Altenpfleger, führt das Büro der Europaabgeordneten der Linkspartei Sahra Wagenknecht, ein paar Meter vom Boxhagener Platz entfernt. Für die Linke ist der Kiez inzwischen schwierig, die Grünen liegen vor ihr. Deren Bundestagsabgeordneter Ströbele hält das Direktmandat, sein Büro liegt ganz in der Nähe. „Hier in der Nähe gibt es allein drei Biokaufhäuser“, sagt Brix, im Tonfall heiterer Resignation. So etwas wie die „Hebammenpraxis Bauchgefühl“, die schräg gegenüber von Wagenknechts Büro das Erdgeschoss eines Hauses in Anspruch nimmt, würde man zum Beispiel in Pankow selten finden, überhaupt sei ein Kinderboom biblischen Ausmaßes rund um den Boxhagener Platz zu beobachten. Der Hype oder der Boom oder der soziale Prozess hier in der Gegend hat nach Schätzung von Arne Brix erst vor acht, neun Jahren angefangen, obwohl es in den 90ern schon etliche Hausbesetzungen gab, um die Jahrhundertwende herum erschienen in den Zeitungen Artikel über die Kneipenzone in der Simon-Dach-Straße, heute steht die Straße in jedem Berlin-Führer, abends kommen Touristen.

Eine sanierte Altbauwohnung in familientauglicher Größe bekommt man hier für um die 750 Euro im Monat. Brix zahlt 600 für 80 Quadratmeter. Studenten nehmen sich erst mal ein WG-Zimmer, besetzte Häuser sind knapp geworden. Das letzte steht in der Scharnweberstraße, eine Festung, gesichert mit Gittern und Stahlplatten, an der Fassade die Parole: „Freiräume verteidigen, dreckig bleiben“.

Vor ein paar Jahren existierten auch noch drei Nazikneipen im Kiez, aber die seien infolge der sich verändernden Bevölkerungsstruktur alle drei pleitegegangen. Die Antifa hat Zettel an die Nazikneipen geklebt, mit der Botschaft, dass man nicht reingehen soll. Jetzt würden hier zwar immer noch manchmal Leute von Nazis angegriffen. Das seien aber Nazis von außerhalb, die gezielt hierherkommen, denn in Boxhagen ist die Chance, einen Linken zu treffen, groß. Woanders müssen die Nazis auf der Suche nach einem Opfer stundenlang erfolglos umherirren, so dass sie gezwungen sind, sich gegenseitig zu verprügeln.

„Aber ich habe eben Nazis gesehen“, sage ich, „da stehen sie doch! Typen mit Kampfhosen und Kampfhund, kurze Haare, Bier, böse Blicke, alles vorhanden.“ Brix sagt, nee, das seien Prolls, die Grenze zwischen Prolls und Nazis sei fließend, aber diese hier seien eindeutig noch auf der Prollseite. Prolls sind harmlos.

Aber das kippt alles, sagt Brix. Der Boxi ist ja längst keine wirklich billige Gegend mehr. Es ist schon, tendenziell, ein bisschen wie in Mitte oder Prenzlauer Berg, man zahlt etwas mehr und hat dafür das Gefühl dazuzugehören. Die Pioniere sind längst anderswo. Seit Jahren heißt es schon, dass Neukölln kommt, aber jetzt geht es wohl wirklich los, es werden ja schon Artikel über die Weserstraße geschrieben, Überschrift: „Der Problembezirk wandelt sich zum Szeneviertel“. Berlin ist so groß, dieses Spiel kann bestimmt noch einige Male und in einigen Vierteln gespielt werden. Hier aber werden die Hausbesetzer, falls sie nicht wegziehen, in 20 Jahren Kinder haben und zum Teil gut bezahlte Jobs. Gentrification passiert von ganz alleine, einfach durch die Zeit, die verstreicht.

Martensteins Expeditionen in Berliner Ortsteile erscheinen in loser Folge. Das nächste Mal erforscht er Steglitz.

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