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Mauerfall : Plötzlich war jeden Tag Party

08.11.2009 00:00 UhrVon  Eva Kalwa
Club E-WerkBild vergrößern
Rote Stunde. Das E-Werk Anfang der 90er. - Foto: Chromapark

Als Underground zur Mode wurde: Mit dem Mauerfall begann Berlins Aufstieg zur Clubstadt Nummer eins.

Wenn Mijk van Dijk heute in seiner Wohnung in Schöneberg eine der alten Acid-Platten auflegt, dann glaubt der DJ und Musikproduzent, einen vertrauten Duft zu riechen: Einen Phantomgeruch nach reifer Erdbeere, gemischt mit Partikeln von Staub, Gummi und Schweiß. Das ist, so sagt er, und mit ihm viele andere Techno-Pioniere, das Aroma des Berlins vor 20 Jahren: Als die Stadt nach dem 9. November plötzlich grenzenlos war und an jedem Wochenende irgendwo ein neuer Club öffnete.

Die Bilder zum Erdbeerduft der Nebelmaschinen sind schummrig und werden von Stroboskop-Blitzen durchzuckt. Junge Menschen in Trainingshosen, weiten Jeans und Miniröcken tanzen sich über zahllose Stunden zu den rasenden Beats und harten Basslines analoger Synthesizer in die Ekstase hinein.

Sie treffen sich überall, wo sie ungestört feiern können – Verwaltung und Polizei haben jetzt genug anderes zu tun. Und falls es doch mal Ärger gibt, ist Improvisation gefragt: „Wir haben 1990 mal kurzerhand ein Senatsschreiben gefälscht, das den Polizisten weismachte, dass der alte Bunker übers Wochenende tatsächlich von uns angemietet ist“, erzählt Thomas Andrezak alias DJ Tanith. Die weltweite Erfolgsgeschichte des heute 47-Jährigen beginnt im Club Tresor. In der unterirdischen Stahlkammer des früheren Wertheim-Kaufhauses am Leipziger Platz wird DJ Tanith nicht nur wegen seines harten „Tekkno” sondern auch wegen seiner Vorliebe für Tarnkleidung bekannt. „Als der Tresor im März 1991 öffnete, hatten wir Angst, dieser Abenteuerspielplatz wäre viel zu groß. Doch jede Woche kamen immer mehr Menschen. Es war unglaublich“, erinnert er sich.

Spektakuläre Orte gibt es kurz nach dem Mauerfall im Niemandsland zwischen Ost- und West-Berlin genug: Leer stehende Häuser, alte Industrieanlagen und zugemauerte Keller. „Auf einmal war überall irre viel Platz“, sagt Ralf Regitz, der in den 90ern den Club „E-Werk“ zwischen Mauer- und Wilhelmstraße betreibt, der in der vergangen Nacht einmalig wieder seine Türen öffnete. Bei der Premiere im Februar 1993 brennen draußen die Mülltonnen, während drinnen im ehemaligen Depot für Straßenlaternen die DJs Westbam und Low Spirit auflegen. Heute vermietet Regitz den Gebäudekomplex für Großevents: Die Zeiten haben sich geändert, nach vielen Jahren der Ablehnung und des Fremdelns haben Politiker, Manager und Marketingleiter die Club- und Musikszene als bedeutenden Wirtschafts- und Touristikfaktor für Berlin erkannt, und fast alle Protagonisten von früher finden das gut. Mijk van Dijk: „Wir wollten schon damals immer etwas Neues – heute der Vergangenheit nachzutrauern wäre konservativ.“

Das sieht Bob Young ähnlich, der Sonntagabend zur „20 years of history 90 Grad”-Geburtstagsparty ins Weekend einlädt. „1989 habe ich nie geglaubt, dass unser Club länger als ein paar Monate besteht”, sagt der gebürtige Amerikaner. Vier Wochen vor dem Mauerfall eröffnete er gemeinsam mit anderen Mitstreitern das „90 Grad“ am Straßenknick in der Schöneberger Dennewitzstraße. Der Club in einer ehemaligen Autowerkstatt wird wegen seiner musikalischen Bandbreite, entspannten Türpolitik und einfallsreichen Dekos schnell beliebt. Zwischen 1999 und 2004 mutiert der Club dann unter neuer Führung zu einem Treffpunkt der Reichen und Schönen, wo Bruce Willis auflegt und Gerhard Schröder Zigarre raucht.

Lange vor diesen hippen Nullerjahren, gefühlte Millionen Stroboskop-Blitze und Trillerpfiffe früher, geschieht auf dem Ku’damm Denkwürdiges. Am 1. Juli 1989 zieht hier eine „Demonstration für Friede, Freude, Eierkuchen” vorbei – die Loveparade. Auch E-Werk-Betreiber Regitz hat das als einer ihrer Gründerväter miterlebt. Ein Vierteljahr später kostet er die Aufbruchstimmung einer vereinten Jugend aus Ost und West aus. Und dann folgt die Ekstase – Drogen brauchen die wenigsten der frühen Techno-Jünger dafür. Ihre Euphorie wird getragen von dem Gefühl, um 1990 in Berlin an einem weltweit einzigartigen Ort zu sein. Die Unterschiede zwischen „Wessis“ und „Ossis“ scheinen in den Clubs schneller aufgehoben als irgendwo sonst: „Wir glaubten an ein Utopia, hofften durch das Gemeinschaftsgefühl beim Tanzen auf eine bessere Welt”, sagt Wolfram Neugebauer alias Wolle XDP, der im November 1989 in Friedrichshain die erste große Elektroparty veranstaltet. Nach der Wende organisiert der heute 42-Jährige in Ost-Berlin bis Ende 1991 die Tekknozid-Partys. Mit ihrem musikalischen und gestalterischen Konzept – es gibt in den dunklen, nebligen Räumen weder Bars noch Tische oder Stühle – sollen die Raves ein radikaler Gegenentwurf zur Disko sein. Wo die Partys laufen, erfahren nur Eingeweihte.

In West-Berlin ist das Ufo die Keimzelle der Technobewegung. Ein illegaler Kellerclub in einem Wohnhaus in der Köpenicker Straße in Kreuzberg, zu dem man – weiß man, an welche Tür man klopfen muss – über eine schmale Treppe hinuntergelangt. Unten niedrige Decken, Schutthaufen und eine Handvoll Menschen, die zu den Scheiben von Dr. Motte tanzen. Im Sommer 1989 findet hier die Afterparty der ersten Loveparade statt. Der Club, betrieben von Tresor-Gründer Dimitri Hegemann, zieht bald in einen leeren Supermarkt nach Schöneberg, manchmal landet das Ufo aber auch an anderen Orten. Über die wird die Tanzgemeinde durch Radiomoderatorin Monika Dietl in ihrer SFB-Sendung „The big beat“ in verschlüsselten Botschaften informiert.

Andere Clubs wie das WMF nutzen Mund-zu-Mund-Propaganda, selbst gebastelte Flyer und oft codierte Wegweiser, denn seit der Gründung im Mai 1991 bezieht das WMF insgesamt acht Standorte. Darunter das namensgebende ehemalige Stammhaus der Metallwarenfabrik sowie unterirdische Toilettenanlagen am Potsdamer Platz. Heute hat das WMF, das nun in einem alten Fernmeldeamt in der Klosterstraße zu Hause ist, neben einer Homepage auch eine Myspace- und Facebookseite. „Das geht gar nicht mehr anders. Die Kids twittern ja sofort alles raus, was im Laden passiert“, sagt WMF-Gründer Gerriet Schultz. Er denkt zwar gern an die frühere „einzigartige Abenteuerstimmung“ zurück, glaubt aber, dass auch heutige Clubbetreiber wie einst die Technopioniere noch viele weiße Flecken auf der Landkarte Berlins finden können. Schultz ist überzeugt: „Für kreative Stadtarchäologen gibt es überall immer noch genug zu entdecken.“

Heute: „20 years of history 90 Grad”, Weekend, Alexanderstraße 7, Mitte, 23 Uhr, „Rewind ’89“, Tresor, Köpenicker Straße 70, Mitte, 22 Uhr

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