Stadtleben : Nur heiße Luft

In Berlin häufen sich die Ufo-Sichtungen Doch keine Angst: Dahinter steckt ein Partyspaß

Sebastian Leber

Klar. Berlin ist immer eine Reise wert. Aber eine so lange? Glaubt man den Augenzeugen, wird die Stadt gerade von einer ganzen Welle von Außerirdischen heimgesucht. Zehn Ufo-Sichtungen aus Berlin sind diesen Sommer bereits bei der zentralen deutschen Ufo-Meldestelle „Cenap“ in Mannheim eingegangen. „Und die Dunkelziffer dürfte weit höher sein“, sagt Leiter Werner Walter. „Die meisten behalten ihre Beobachtungen erfahrungsgemäß für sich, um nicht für verrückt erklärt zu werden.“

Dabei könnte Walter sie beruhigen. Sie sind kein bisschen verrückt. Denn alle gesichteten Ufos werden ähnlich beschrieben: als orangene bis rote Punkte am Abendhimmel, die mal alleine, mal in Gruppen über Berlin hinwegschweben. So gesehen in Charlottenburg, in Mitte, in Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Friedrichshain. „Das liegt am Partytrend dieses Sommers“, sagt Walter. „Es handelt sich um Partyballons aus Reispapier.“ In Asien ist es seit Jahrhunderten buddhistischer Brauch, die etwa zwei Meter großen, extrem leichten Körper in den Himmel schweben zu lassen. Am unteren Ende ist stets ein kleines offenes Feuer angebracht, damit sich die Luft darüber erwärmt. „So nimmt man Abschied von Verstorbenen“, sagt Werner Walter. Nach der Tsunami-Katastrophe vor drei Jahren wurden in Thailand Zehntausende dieser Ballons an Stränden gezündet – die beeindruckenden Fernsehbilder gingen um die Welt.

Warum die Ballons gerade jetzt in Europa beliebt werden, ist unklar. Aber manche verdienen kräftig daran. Der Internet-Händler www.partyballon.de ist einer der Marktführer für Ballon-Importe aus Asien. Normalerweise lässt Chef Patrick Christopher die Ware mit dem Schiff kommen. Weil die Nachfrage diesen Sommer so groß war – Christopher spricht von einer „Überzeichnung von 1300 Prozent“–, ließ er die zusammengefalteten Flugkörper ausnahmsweise einfliegen. Auch Werner Walter von der Ufo-Meldestelle kommen die Ballons nicht ungelegen – wegen mangelnder Sichtungen wollte er die Stelle nach 30 Jahren eigentlich gerade schließen.

Harmlos sind die Himmelslichter allerdings nicht. Jedes Steigenlassen sei genehmigungspflichtig, sagt Carola Hoppe von der Deutschen Flugsicherung. Und für den Berliner Luftraum würden grundsätzlich keine Genehmigungen erteilt. Einerseits könnten Ballons den Flugverkehr stören, andererseits Brände auslösen, wenn sie ungünstig landen. Darüber gibt es bei Luftfahrt-Bundesamt und den Landesluftfahrtbehörden allerdings unterschiedliche Auffassungen. Deshalb bekommt der Partytrend nun sogar politische Brisanz: Demnächst befasst sich ein Bund-Länder-Fachausschuss mit diesem Thema.Sebastian Leber

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