Stadtleben : Punk ist noch lange nicht tot

West-Berlin vor 30 Jahren: Eine neue Jugendkultur erobert die Stadt. Die Band PVC macht die Musik dazu Ihr Gitarrist Gerrit Meijer hat sich jetzt noch einmal auf Spurensuche begeben

H. P. Daniels

Punk’s not dead. Am Sonnabend lebt er in der Kalkscheune wieder auf. PVC, Deutschlands – und damit auch Berlins – erste Punkband steht auf der Bühne. Und mit ihr Gitarrist Gerrit Meijer, vor 30 Jahren Punk der ersten Stunde. Ob er wohl Lust hat, vor dem Auftritt drei Jahrzehnten Punk in Berlin nachzuspüren? Ein Anruf klärt alles. Meijer macht mit. Er lacht, bevor es losgeht: „Ick hab mir heute jar keene Sicherheitsnadel durch die Backe jezogn, dem Anlass gemäß!“ Dabei hatte er das nie gemacht, auch nicht vor 30 Jahren. Gruppenzwänge und Kleiderordnungen hat er immer abgelehnt. Für ihn war Punk nie Mode, sondern Geisteshaltung.

Wir fahren zum Kant-Kino. Die Kantstraße 54 war die erste Station für PVC. Ein legendärer Ort. Was heute ein renoviertes Kino mit fünf Sälen ist, nannte sich damals „Kant Kino Music Hall“. Ab 1975 liefen hier neben ausgewählten Filmen die besten Konzerte Berlins. Alles, was neu und frisch und aufregend war, New Wave und Punk. Im Februar 1977 spielten The Vibrators aus Londen, eine der ersten populären Punkrockbands. Im Publikum waren Knut Schaller, Raymond Ebert, Jürgen Dobroszczyk – und Gerrit Meijer. Sie kannten sich noch nicht, doch irgendwie erkannten sie sich an ihrer gemeinsamen Leidenschaft für Rock ’n’ Roll und Punk. „Was die Vibrators können, können wir auch“, beschlossen sie, wurden Freunde, wurden die Band PVC. Im September 1977 spielten sie zum ersten Mal öffentlich, natürlich im Kant-Kino, im Vorprogramm der Vibrators. Nein, es überkomme ihn weder Wehmut noch Nostalgie, sagt Meijer. Auch heute sei alles noch spannend, es gehe doch immer weiter, nur stehen bleiben dürfe man nicht.

Weiter zum Ku’damm, Lehniner Platz. Hier war das Punkhouse. „Aber wo war eigentlich der Eingang?“ Suchend schaut sich Meijer um. Da drüben war der Athena-Grill, einer der wenigen Läden, vielleicht sogar der einzige, wo man spät nachts noch günstig was essen konnte. Ach ja, und hier genau war der Eingang vom Punkhouse!“ Wo heute eine öde Spielothek ist, trafen sich seit dem ersten Auftritt von PVC die Berliner Punks. „Das war damals noch eine relativ kleine Szene, vielleicht so 100 bis 200 Leute. Aber es kamen auch noch etliche andere, die die Musik gut fanden“, sagt Meijer. „Leute wie die Typen von Spliff. Effjott Krüger, der Gitarrist von Ideal, der kürzlich gestorben ist. Mark Eins von Din A Testbild. Gudrun Gut von Malaria. Peter Radszuhn, Gitarrist von Tempo, heute Musikchef bei Radio Eins.“ Ratten-Jenny tauchte hier das erste Mal auf, „damals lief sie noch wie ’ne Dame rum, und ist dann hier zum Punk-Original geworden, immer mit der Ratte auf der Schulter“. Und der junge Ben Becker. „Der hat noch ausgesehen wie ein kleines Mädchen“, sagt Meijer. Das Ganze war der Nukleus einer Szene, die sich schnell entwickelte. Nach einem Jahr machte der Laden dicht. Punk zog nach Kreuzberg – also hin.

Aber Meijer will vorher noch nach Tiergarten in die Lützowstraße. In dem alten Gewerbegebäude in der Nummer 102-104 hat Knut Schaller gewohnt, der eigentliche Initiator von PVC. 1990 ist er an Aids gestorben. Schaller, der gelernte Schneider, betrieb hier eine Pullovermanufaktur. Mit den Jahren hatte er es als Modedesigner zu beträchtlichem Ansehen gebracht – wie als Bassist von PVC. In der Lützowstraße experimentierten die Bandmitglieder, tauschten Ideen, schrieben Songs, spornten sich an. Hier entstand auch ihr vielleicht bekanntester Song „Berlin By Night“. Jeden Tag probten sie stundenlang im Keller vom dritten Hinterhof. Wenn’s geregnet hat, stand der Raum unter Wasser, und im Winter lag schon mal Raureif auf den Sachen. „Komm“, sagt Meijer, „wir fahren zum Checkpoint Charlie. Da haben wir unsere erste große Fotosession gemacht!“

Zimmer-/Ecke Kochstraße. „Wo war hier eigentlich noch mal die Mauer? Ach ja, hier ist die Markierung! Diese doppelte Reihe Kopfsteinpflaster.“ An der Mauer entstanden 1978 die Fotos, die später überall publiziert wurden und die heute noch bei Fans und Chronisten schwer gefragt sind. „Die wollen alle immer die Fotos mit der Mauer!“ Eine Art Illustration zu den Songs „Wall City Rock“ und „Rockin’ Till The Wall Breaks Down“. Das blieb hängen. Das wurde zum Markenzeichen. PVC waren nicht Punk, sondern „Wall City Rock“. „Interessant“, sagt er, „dass die Mauer damals noch völlig kahl war!“ Als sich PVC zu ihrer Reunion zehn Jahre später an derselben Stelle wieder fotografieren ließen, war alles mit Graffiti bemalt. „Was zehn Jahre ausmachen!“ Inzwischen sind es dreißig. Und die Mauer ist auch schon 18 Jahre weg.

Wir fahren die Kochstraße entlang, die bald Rudi-Dutschke-Straße heißen wird. Oranienstraße, Moritzplatz, Oranienplatz. Rein nach SO 36, wie die offizielle postalische Bezeichnung einmal hieß. „Hier war alles tot“, sagt Meijer, „keine Cafés wie heute, nichts! Nur Alt-Hippies und Anarchos!“ Meijer deutet auf einen Schaukasten mit Werbung fürs „Wild At Heart“ in der Wiener Straße, „das ist heute noch ein guter Laden. Nicht so dogmatisch. Und da spielen gute Leute!“

Ein Stück weiter die Oranienstraße, kurz vor dem Heinrichplatz, ein Plattenladen mit Vinyl-Singles. „Punk“ ist mit Filzschreiber draufgeschrieben. Fast ein bisschen anachronistisch. Ein paar Schritte weiter, bei „Zentralmusik“, schaut Meijer durchs Fenster die elektrischen Gitarren an. Und gerät ins Schwärmen: Gitarren kaufen sei doch eine tolle Sache. Aber eigentlich ist Meijer kein Schwärmer, Realist eher. Und sofort stellt er fest, dass seine fünf Gitarren, die beiden „Fender Telecaster“ und die drei „Hohner Headless“ völlig ausreichten. Für die Bühne, fürs Studio, für zu Hause.

Nach PVC hatte Meijer bei White Russia gespielt, später bei Commando Love At Least. Und bei Rouge Et Noir, der Band der beiden Sängerinnen Marianne Enzensberger und Marianne Rosenberg. Eine ganze Zeit lang ist er gar nicht mehr aufgetreten, hat nur noch zu Hause gespielt und sich hauptsächlich mit klassischer Musik beschäftigt. Bis er durch eine Fernsehdokumentation über sein altes Idol Elvis Presley wieder Lust bekam auf die Bühne. Er tat sich mit der jungen Gruppe The Shocks zusammen, sie nannten sich „Gerrit And The R&R Stalinists“. Und weil sie ein Veranstalter als „PVC“ angekündigt hatte und der Geist von früher irgendwie wieder da war, beschloss er, die Band beim richtigen Namen zu nennen: PVC.

Im August 1978 hatte die Urformation von PVC zur Eröffnung des „SO 36“ gespielt, in der Oranienstraße 190. „ Es gab Flaschenbier, weil sie keine Zapfanlage hatten“, erinnert sich Meijer. „Am ersten Abend hat der Laden gebrummt. 700 Leute waren da. Die Kurzhaarigen haben über die Langhaarigen gewettert.“ Die Zeiten hatten sich geändert. Meijer lacht: „Und es gab da auch schon so ein paar Übergangsmodelle: Typen, die sich die Haare ganz eng anliegend zum Zopf gebunden haben. Die alteingesessene Kreuzberger Hippie-Szene gab sich skeptisch. Punk? Was soll das denn sein? Dabei ist mit dem SO 36 Kreuzberg doch erst hip geworden!“ Zur Eröffnung spielten außer PVC auch ein paar Bands der Düsseldorfer Szene. Man mochte einander nicht besonders. „Die waren wie wildgewordene Gewerkschaftsjugendliche. Musikalische Dilettanten. Charley’s Girls, Male, Mittagspause, oder wie die hießen. Deren Nachfolgebands wie Fehlfarben und DAF sind dann mit der Neuen Deutschen Welle richtig bekannt geworden. Die waren total uncool!“

Wieder lacht Meijer: „Und schau mal, was hier heute los ist!“ Über dem Eingang vom SO 36 hängt ein Transparent: „Pickfisse“. Meijer probt Rhythmik und Aggressionspotenzial des Wortes: „PICK-FISSE-PICK-FISSE-PICK-FISSE!“ Da spricht ihn ein junger Kreuzberger ihn an: „Verzeihung, waren Sie nicht mal der Gitarrist von PVC?“ Meijer schaut amüsiert. Jetzt wird man hier schon gesiezt. 60 ist er dieses Jahr geworden.

Der Auftritt von PVC zum Erscheinen ihrer Doppel-LP „Anthology 1977-2007“ mit 29 bislang unveröffentlichten Songs aus ihrer 30-jährigen Geschichte ist am Sonnabend, 9. Juni auf der „Schönen Party“ in der Kalkscheune in Mitte, Einlass 21 Uhr

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