Schillernder Schausteller : Der Karussell-König vom Plänterwald im Kino

Norbert Witte war einst spektakulär mit seinem Freizeitpark im Plänterwald gescheitert. Später flog er als Drogenkurier in Peru auf – und kam frei. Dies hat Peter Dörfler zu einem Film über den Schausteller inspiriert, ab sofort in den Kinos zu sehen ist.

Matthias Oloew
Norbert Witte
Schillernde Karriere. Norbert Witte betrieb einst den Spreepark im Plänterwald, später ging er nach Südamerika, wo er in...Foto: Uwe Steinert

Für Familie Witte musste es immer schon das ganz große Ding sein. So hatte sich ein Vorfahr, aus Pankow stammend, im Drunter und Drüber nach dem Ersten Weltkrieg den Titel „König von Albanien“ unter den Nagel gerissen. Nach nur vier Tagen flog die Köpenickiade auf, aber in Deutschland ließ er sich den Titel in den Pass eintragen, war hernach auf den Rummelplätzen des Reiches eine große Nummer und verkaufte sich als „größter Weltabenteurer“.

Eine große Nummer wollte auch Norbert Witte werden. Das Riesending sollte der Spreepark in Berlin werden. Der war zu DDR-Zeiten eine der ersten Adressen des Freizeitvergnügens. Nach der Wende suchte der Senat einen neuen, privatwirtschaftlichen Betreiber für die mittlerweile landeseigene Unternehmung. Witte übernahm das Amüsiergehege, investierte – auch über das wirtschaftlich sinnvolle Maß hinaus –, ließ unter anderem Alt-Playboy Rolf Eden als Showstar auftreten und musste nach anfänglich guten Geschäften im Jahr 2001 Insolvenz anmelden.

Doch der Drang, eine große Nummer zu sein, ließ nicht nach. Und so flüchtete Familie Witte mit sechs Fahrgeschäften nach Südamerika. Aus dem Luna-Park in der peruanischen Hauptstadt Lima wurde allerdings nichts, eine neue Pleite folgte. 2003 versuchte der überschuldete Witte, mit einigen seiner Karussells wieder nach Deutschland zurückzukehren, und ließ sich als Drogenkurier der peruanischen Mafia anheuern. Der Deal flog auf, doch statt Norbert Witte landete sein Sohn Marcel im peruanischen Knast. Der heute 28-Jährige muss eine 20-jährige Haftstrafe absitzen. Sein Vater aber ist heute frei.

Drehbuchautoren hätten viel Fantasie gebraucht, um sich diese Geschichte für einen Spielfilm zusammenzureimen. Und es sind Geschichten wie diese, die den in Berlin lebenden Regisseur Peter Dörfler reizen, Dokumentarfilme daraus zu machen. Sein Film „Achterbahn“ über Familie Witte, den Spreepark, den Drogenschmuggel und das schwierige Thema der Schuld gegenüber dem Sohn feierte Premiere auf der Berlinale. Im Mai kommt der Streifen ins Kino.

„Shakespeare war zwar nicht schlecht“, sagt Dörfler, „aber das Leben schreibt auch sehr gute Geschichten.“ Er wollte Wittes Geschichte so erzählen, „wie sie sehr wahrscheinlich passiert ist“, seine Absicht war nicht, „Herrn Witte zu rehabilitieren“. Das schafft er auch und kommt in seinem Film den Mitgliedern der Familie verblüffend nah. Dabei steht nicht allein Norbert Witte im Vordergrund, sondern mit zunehmender Dauer des Films seine mittlerweile von ihm getrennt lebende Frau, die aus ihrer Enttäuschung über ihren Exmann kein Hehl macht. „Schon das erste Interview mit ihr war sehr beeindruckend“, erinnert sich Dörfler. „Sie war sauer genug, um mit ihrem Mann abzurechnen.“

Mehr als ein Jahr lang dauerten schließlich die Dreharbeiten in Berlin, Hamburg und Lima. Die Szenen gipfeln in Aufnahmen der verzweifelten Mutter in einem Hotelzimmer in Lima, als sie erfährt, dass die Revisionsverhandlung gegen ihren Sohn nicht zum erhofften Freispruch, sondern zur Bestätigung des Urteils führte.

Norbert Witte lässt das Schicksal seines Sohnes nicht kalt. Für ihn ist seine Zukunft aber ebenso wichtig. Und so plant er am Schluss des Films, auf der Brache an der Heidestraße nahe des Hauptbahnhofs ein Zirkuszelt für Shows und Disko-Abende aufzubauen. Ende offen. In der Zwischenzeit erholt er sich von seinen fünf Herzinfarkten und lebt mittlerweile wieder dort, wo er das große Ding drehen wollte – in einem Wohnwagen im Spreepark, den sich peu à peu die Natur zurückerobert.

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