SPD-Nachwuchs : Berlinerin will Juso-Vorsitzende werden

Franziska Drohsel ist 27 Jahre alst, wohnt in Kreuzberg und hält Berlin für die "coolste Stadt". Für ihre Kandidatur zum Juso-Bundesvorsitz ist sie durch ganz Deutschland gereist.

Johannes Boie
Drohsel
Franziska Drohsel führt bereits die Berliner Jusos. -Foto: Heinrich

Neulich war sie im Fernsehen, da hat man es kaum gehört. Aber wer sie kennenlernt, merkt es schnell: Franziska Drohsel berlinert. Und so wie Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist, will auch die 27-Jährige bald einen Bundesvorsitz haben – nämlich den der SPD-Jugendorganisation „Jusos“. 70 000 Mitglieder hat die Organisation bundesweit, 55 000 davon sind auch in der SPD. Drohsels Chancen stehen gut: Am Samstag wird auf dem Bundeskongress der Organisation in Wolfsburg gewählt, und bislang gibt es keine Gegenkandidaten. Was bei den Jusos nicht heißt, dass nicht noch ein paar Kampfkandidaten auftauchen können. Aber selbst dann dürfte Drohsel gewählt werden. Ihr Vorgänger Bjoern Böning tritt nicht mehr an. Im Berliner Landesverband, den Drohsel bislang führte, wird ihr Engagement für Gesamtschulen in Erinnerung bleiben, ihr Einsatz für mehr Ausbildungsplätze, und vor allem: ihr steter Kampf gegen den Rechtsextremismus.

Die Jusos sind kein einfaches Terrain: Bei den Jungpolitikern wird Taktieren geübt, werden Seilschaften geknüpft, Bündnisse geschmiedet. Franziska Drohsel scheint das nicht nur sehr gut zu können, sie wird auch noch allerorten für ihre freundliche Art gelobt. Selbst die politische Gegnerschaft zeigt sich von der hübschen Kreuzbergerin beeindruckt: Franziska Drohsel sei eine faire und angenehme Diskussionspartnerin, heißt es zum Beispiel bei der Jugendorganisation der FDP, den Julis. Und im Mutterschiff SPD hat manch ein Weggefährte beste Erinnerungen an die gemeinsame Arbeit mit der Jungpolitikerin im erweiterten Landesvorstand.

Drohsel kennt gleich mehrere Berliner Kieze als Heimat: in Wedding geboren, lebte sie die ersten Monate ihres Lebens in Neukölln, später zog ihre Familie nach Steglitz. Heute lebt sie im ehemaligen Kreuzberg 36 allein in ihrer Studentenwohnung. Sie liebt Berlin. Nach ihren Urlaubszielen gefragt, sagt sie: „Ich fahre lieber nach Berlin rein als raus.“ Wenn sie es doch mal raus schafft, fährt sie nach Rom oder an die italienische Küste.

Mindestens genauso gern liegt sie mit Freundinnen in der Sonne im Görlitzer Park: „Berlin“, findet sie, „ist die coolste Stadt in Deutschland.“ Sie sagt, sie möge Berlin auch, weil die Stadt ihr jeden Tag zeige, „was alles nicht so rosig ist“. Alltagsrassismus, Armut, soziale Ungleichheit – für Drohsel sind das zentrale Themen ihrer politischen Arbeit.

Innerhalb der SPD steht sie eher am linken Rand: Soziale Themen liegen ihr sehr am Herzen. Mit ihrer israelfreundlichen Haltung fällt sie aber im Spektrum der linken Jugendgruppen Berlins auf. Mit denen arbeitet Drohsel aber gerne zusammen, wenn es gegen Faschismus geht. „Da rufen wir zu Demonstrationen auf“, sagt sie und verwandelt sich von der Studentin in eine Politikerin.

Als solche spricht sie etwas kryptisch von der „Brückenfunktion der Jusos zwischen jungen Menschen und der Partei“. Das heißt nicht, dass Drohsel Phrasen drischt. Sie weiß genau, worüber sie redet, in ihrer Jura-Promotion befasst sie sich mit Staatstheorie. Nach der Promotion möchte Drohsel ihr zweites Examen machen, später als Anwältin arbeiten. Natürlich stehen aber auch ihre Chancen für eine politische Karriere ausgezeichnet. Ein Vorgänger im Bundesvorsitz der Jusos ist unter anderem Altkanzler Gerhard Schröder, der als Juso-Chef „den Klassenkampf“ forderte. Als seine Nachfolgerin will auch Drohsel erst mal für klassisch linke Positionen kämpfen: Umverteilung, Chancengleichheit, gegen soziale Ungleichheit.

Für ihre Kandidatur ist Drohsel durch ganz Deutschland gereist. Sie habe zurzeit wenig Möglichkeiten, auszuspannen, sagt sie, aber sie klingt kein bisschen müde. Sie spart an ihrer Freizeit. Tanzen zum Beispiel war Drohsel schon lange nicht mehr. Dabei mag sie auch das Berliner Nachtleben, zieht bevorzugt in die Panoramabar am Wriezener Bahnhof oder besucht den Elektro-Club Watergate an der Warschauer Brücke. Vielleicht ist sie ja auch nach dem Wochenende dort – dann hat sie vermutlich was zu feiern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben