Sprung ins Graue : Regisseur Wilms setzt Ost-Berliner Mode in Szene

Marco Wilms hat über die Ost-Berliner Modeszene einen Film gedreht, der heute Premiere feiert. Der Regisseur sagt: "Die Wende hat meine Topmodelkarriere zerstört". In "Ein Traum in Erdbeerfolie" besucht er seine Helden von damals.

Grit Thönnissen
Marco Wilms Foto: promo
1989, Sophienstraße. Damals war Marco Wilms, großgeworden in Lichtenberg, noch Model des DDR-Modeinstituts. -Foto: promo

Das Nähset besteht aus Bauplane, einer weißen Plastiktischdecke und einem Edding für das Streifenmuster. Mit diesen Zutaten lässt sich das Model „Bine“ nachschneidern. Die Designerin Sabine von Oettingen erfüllt so, nach mehr als 25 Jahren, was die Staatssicherheit damals von ihr verlangte: Um ihre Entwürfe vorführen zu dürfen, sollten DDR-Bürger die Kleider nach der Modenschau gefälligst auch kaufen können.

Der Regisseur Marco Wilms hat über Sabine von Oettingen und ihre Mitstreiter der Ost-Berliner Modeszene einen Film gedreht. Ganz subjektiv ist er geworden, „weil ich nur so die Wahrheit erzählen kann“. Und weil der Berliner selbst ein Teil dieser Welt war: Marco Wilms arbeitete als ein vom Modeinstitut der DDR bestelltes Mannequin. Aber um die offizielle, vom Staat genehmigte Scheinwelt der bunten, vor Fabriken fotografierten Mode, die es nirgendwo zu kaufen gab, geht es in seinem Film „Ein Traum in Erdbeerfolie“ nur am Rande.

Marco Wilms’ Protagonisten hatten sich eine Parallelwelt aus Duschvorhängen, Erdbeerfolie und Lederresten zusammengeschneidert. Nicht um dem westlichen Glamour der achtziger Jahre zwischen Denver und Dallas nachzueifern, sondern einfach, um der eigenen Schönheit und Ausdruckskraft zu huldigen.

Marco Wilms hat seine Helden von damals besucht – etwa Frank Schäfer in seinem Friseursalon in der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg. Er drehte beim DDR-Fernsehen Modefilme und wurde durch seine Auftritte bei den illegalen Modeperformances zur Schwulenikone. Zu Sabine von Oettingen fuhr der 42-Jährige aufs Land nach Sachsen-Anhalt, wo sie heute Kleider näht, die sie überall im Land auf Märkten verkauft.

Und Robert Paris, früher Fotograf und heute strenggläubiger Moslem, trifft Marco Wilms in seinem alten Kinderzimmer. In jener Altbauwohnung, in der 1984 die erste Modenschau der Gruppe CCD (Chic, Charmant und Dauerhaft) stattfand. Wobei es den damals jungen Ost-Berlinern nicht darum ging, Mode vorzuführen, sondern um eine Möglichkeit, ihre Körper, ihre Schönheit zu zeigen und sich so von der grauen Masse abzuheben. Auf der Tour für seinen Film wird Marco Wilms jetzt oft im Westen gefragt, ob das damals denn politisch gemeint war. „Klar, in einem System, das sich von seiner Jugend bedroht fühlt, war man subversiv, wenn man anders aussah. Wer sich auffällig benahm, war eine Bedrohung.“

Marco Wilms trägt eine asymmetrische, aus grauen Lederstücken zusammengesetzte Jacke, besetzt mit Kaninchenfell, eine Replik der Kleider von „Allerleirauh“. Die Nachfolgegruppe von CCD erzählte Ende der achtziger Jahre in der Gethsemanekirche, dem stillgelegten Stadtbad in Oderberger Straße und in Fabriketagen ihre melancholischen und morbiden Geschichten, mit Feuer, Musik, mehr als 100 Darstellern und Kostümen, die jetzt wie „Leichen in einer Kühlkammer“ im Deutschen Historischen Museum lagern.

„Die Wende hat meine Topmodelkarriere zerstört“, sagt der Regisseur. Genauso, wie sie es den Protagonisten unmöglich machte, weiter in ihrer melancholischen Parallelwelt zu verharren. Marco Wilms begann 1991 ein Studium an der Filmhochschule in Potsdam. Vor drei Jahren beschloss er, das Lebensgefühl der letzten Jahre in Ost-Berlin wiederzufinden. Das hat Marco Wilms nicht zurückbekommen, aber er hat Sabine von Oettingen dazu gebracht, sich noch einmal auf die Suche zu machen – nach der passenden Erdbeerfolie und gestreiften Duschvorhängen für das Modell „Bine“. Dafür hat dann er extra einen Laufsteg in seiner Wohnung in der Alten Schönhauser Straße aufgebaut.

Premiere des Filmes „Ein Traum in Erdbeerfolie“, 21. April, 20.30 Uhr im Babylon Mitte, Rosa-Luxemburg-Straße, mit anschließender Modenschau. Kinostart ist am 23. April.

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