Stadtleben : Der Mauermeister

Er ist ein freundlicher Mensch, mit dem man schnell ins Gespräch kommt: Seit 25 Jahren bietet Matthias Rau Touren durch Berlin an - seine Spezialität ist der Osten.

H.P. Daniels
Berliner Mauer
Bunte Geschichtsstunde. Die "Mauertour" übernimmt Matthias Rau besonders gern. -Foto: Oliver Wolff

Über das Leben damals in Ost-Berlin kann Matthias Rau spannende Geschichten erzählen. Zum Beispiel die hier: Am 9. November 1989 stand er am Grenzübergang Oberbaumbrücke, als sich direkt neben ihm ein riesiges Stahltor öffnete. So war Rau der erste, der fotografiert wurde, als er in den Westen kam.

Matthias Rau ist ein freundlicher Mensch, mit dem man schnell ins Gespräch kommt. Weil er sich interessiert für seine Mitmenschen, für deren Geschichten, und weil er selber gerne erzählt, auch seine eigene Geschichte. Aber vor allem die seiner Stadt.

Ihm fällt zu allem sofort etwas ein. Zu Straßen, Gebäuden, Begebenheiten, die sich hier abgespielt haben. Gestern, vor einem Jahr, vor hundert Jahren, vor zweihundert, dreihundert, vierhundert Jahren. Oder was er selber hier erlebt hat: gestern, vor zehn, vor zwanzig, dreißig Jahren. Niemals werden seine Geschichten langweilig, immer hört man gerne zu, seiner schönen, sonoren Stimme.

Rau ist Stadtführer bei „Stattreisen Berlin“, dem Unternehmen, das heute vor genau 25 Jahren aus der „Weddinger Geschichtswerkstatt“ entstanden ist, und das seitdem zu unzähligen Themen Stadtrundgänge durch die unterschiedlichsten Bezirke anbietet. Der Rundgang durch die City West trägt den Titel „Konsum, Rausch und Abgründe“, ein anderer führt durch die „Weltstadt Kreuzberg“. Die Idee: Statt zu verreisen, kann man so die eigene Stadt kennenlernen, ihre Geschichte „von unten“ erleben, aus der Sicht der Menschen, die hier leben und lebten. Aber längst sind die Touren auch eine Attraktion für Berlinbesucher aus dem Ausland.

Raus Spezialität ist der Ostteil Berlins, wo der 55-Jährige seit 37 Jahren lebt. Besonders gern übernimmt er für die Kundschaft von Stattreisen die „Mauertour“: mit dem Fahrrad den ehemaligen Grenzstreifen entlang. Es sind persönliche Erinnerungen, einschneidende Erfahrungen, die Rau mit der Mauer verbindet: Eingrenzung, Unfreiheit in der DDR, Sehnsucht nach „menschlichem Sozialismus“, der Zulassung unabhängiger politischer Organisationen, Pressefreiheit, Kunst- und Reisefreiheit, um dem tristen Alltag der DDR zu entfliehen.

Mit der DDR hatte Rau seit seiner Kindheit nichts im Sinn. War er doch Sohn eines evangelischen Diakons, der den „Waldhof“ von Templin leitete, eine kirchliche Wohn- und Arbeitsstätte für geistig Behinderte. Rau wuchs hier mit der fast gleichaltrigen Pfarrerstochter Angela Kasner auf. Mit ihr ging er in die Schule, ihr sang er während der Oberschulzeit Lieder von Wolf Biermann vor. Was er heute noch gelegentlich tut, aber nur für seine Zuhörer beim Stadtrundgang zum Thema „Die Poesie von Ost-West-Berlin“.

Pfarrerstochter Angela war in der FDJ, hat Physik studiert und ist heute Bundeskanzlerin. Matthias Rau hätte gerne Medizin studiert, bekam jedoch keinen Studienplatz, weil er weder bei den „Jungen Pionieren“ noch der FDJ war, weil er fast von der Schule geflogen wäre wegen seines Protests 1968 gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch sowjetische Truppen, und weil er daher als „nicht gefestigte sozialistische Persönlichkeit“ galt.

Stattdessen ging er nach Berlin, machte eine Ausbildung als Krankenpfleger an der Charité und studierte dann Theologie am „Sprachenkonvikt“, einer rein kirchlichen Einrichtung, deren Ausbildung vom Staat nicht anerkannt war. Weil er dort Hebräisch gelernt hatte, konnte er die hebräischen Inschriften an einer Hauswand gegenüber seiner Wohnung in der Almstadtstraße im „wirklichen Scheunenviertel“ entziffern und verstehen. Und hatte damit eine neue große Leidenschaft entdeckt: die jüdische Geschichte Berlins, heute auch zentrales Thema einiger seiner Berlin-Rundgänge.

Rau zog in den Prenzlauer Berg, Mittelpunkt der Unangepassten, Langhaarigen, Dissidenten. Hier traf er Künstler und Blues-Musiker. Er genoss die unorthodoxe Kneipenkultur, lebte von wenig Geld, arbeitete als Aktmodell, Briefträger, Kellner, Kleindarsteller mit der offiziellen Berufsbezeichnung „Werktätiger mit Lohnnachweis für unständig Beschäftigte“. Seine gelegentlichen, illegalen Stadtführungen für das West-Berliner Goethe-Institut sind natürlich nie im „Lohnnachweis“ aufgetaucht. Und dann kam der höchst überraschende Spaziergang durch das offene Stahltor am Grenzübergang Oberbaumbrücke im November 1989. Ein Jahr später gab Rau seine Anstellung als Veranstaltungstechniker an der „Akademie der Künste“ auf und wurde Stadtführer für Stattreisen.

Das Programm von Stattreisen findet man unter http://stattreisenberlin.de. Matthias Rau unterhält auch eine eigene Internetseite: www.matthiasrau-berlin.de

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