Stadtmuseum : Malerischer Augenblick

Das Stadtmuseum hat ein neues Glanzstück: Ein Porträt erinnert an einen legendären Theaterabend 1929.

Andreas Conrad
Steinrück
Abschiedspräsent: Das Stadtmuseum hat jetzt ein Bild des Schauspielers Albert Steinrück. -Foto: dpa

„Seien’s nicht bös‘, gnädige Frau.“ Wieder ein Hänger! Heinrich George war die Textschwäche peinlich, wiederholt flüsterte er seine Bitte um Nachsicht der mitspielenden Tilly Wedekind zu, Witwe Frank Wedekinds, dessen „Marquis von Keith“ – ausgerechnet mit der Titelrolle – ihm solche Mühe bereitete. Aber die Vorbereitung der Sondervorstellung am 28. März 1929 im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt hatte George so beansprucht, dass ihm keine Zeit geblieben war, seinen Part zu repetieren. Mit dem Abend sollte des einige Wochen zuvor gestorbenen Schauspielers Albert Steinrück gedacht werden, und George hatte dafür die Crème de la Crème der Berliner Theaterwelt gewonnen und so zugleich eine Sternstunde des gesellschaftlichen Lebens geschaffen.

Die Erinnerung an den legendären Theaterabend schwang auch bei einer Feier am Montagnachmittag im Märkischen Museum nach, mit der Lothar Schirmer, langjähriger Fachbereichsleiter Geschichte und Leiter der Theatersammlung des Stadtmuseums, in den Ruhestand verabschiedet wurde. Für das Haus am Köllnischen Park hatte er etwa 1998 eine große Fontane-Schau konzipiert, ebenso vier Theaterausstellungen im Nikolaihaus, und am Montag gab es gewissermaßen eine Abschiedsgabe, eine von ihm initiierte Schenkung, die zu dem Theaterabend 1929 zurückführte.

Steinrück, in der Weimarer Zeit ein Großer des Theaters und Films, heute weitgehend vergessen, war bei der Gedächtnisfeier doppelt präsent: durch zwei Porträts, die man in die Bühnendekoration integriert hatte. Das erste, gemalt von Karl Hofer, einst Teil der Sammlung des Schillertheaters, kam in den siebziger Jahren in den Besitz des Berlin-Museums, des West-Vorgängers des Stadtmuseums. Das zweite von Alfred Sohn-Rethel wurde dem Haus jetzt zum Kauf angeboten. Als dieser scheiterte, brachte Schirmer die Gesellschaft für Theatergeschichte ins Spiel, zu deren Vorstand er gehört. Sie erwarb das Bild und übergab es dem Museum.

Steinrück war nach einem Blutsturz am 11. Februar 1929 gestorben, hinterließ eine Witwe und zwei Töchter, aber so wenig Geld, dass es kaum für die Beerdigung reichte. Um der Familie zu helfen, vor allem aber, um den so überraschend gestorbenen Freund und Kollegen zu ehren, entstand unter den Berliner Theaterleuten, mit Heinrich George als treibender Kraft, rasch die Idee einer Gedächtnisfeier. Alle sollten auf ihre Gagen verzichten, zugunsten der Familie. Die Idee wurde begeistert aufgenommen. Schnell hatte man sich als Stück für den „Marquis von Keith“ entschieden. Steinrück hatte die Titelrolle oft gespielt, allerdings wollten weit mehr Schauspieler mitmachen, als das Stück Rollen bot. Also wurden Nebenrollen auf mehrere Personen verteilt oder gleich neu erfunden, dazu ein im Hintergrund spielendes Bankett nach vorn verlegt, für die vielen „Gäste des Marquis“. Der Theaterzettel der auf 23 Uhr festgelegten Aufführung – da hatten die etwa 100 Beteiligten in ihren Stammhäusern schon Schluss – liest sich wie ein „Who is who?“ der Berliner Theater- und Filmszene: Max Pallenberg, Fritzi Massary, Tilla Durieux, Fritz Kortner, Hans Albers, Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Marlene Dietrich, Käthe Dorsch, Paul Wegener, Asta Nielsen, Henny Porten und viele mehr. Heinrich Mann sprach die Gedenkworte, zum „Ehrenausschuss“ gehörten Albert Einstein, Max Liebermann, Max Reinhardt, Oberbürgermeister Gustav Böß und Reichstagspräsident Paul Löbe.

Es wurde ein glanzvoller Abend, das Haus war ausverkauft, trotz der bis zu 60 Reichsmark teuren Karten, was heute rund 350 Euro wären. Auch kleinste Auftritte der Stars wurden bejubelt, und als in der Bankettszene der Schauspieler Arthur Krausneck vors Publikum trat und sprach: „Die Berliner Schauspielerschaft dankt dem Berliner Publikum für die Ehrung ihres toten Kollegen“, erhoben sich alle von ihren Sitzen.

Keiner ahnte, dass mit dem Abend, der gegen 2 Uhr endete, auch für eine glänzende Ära des Berliner Kulturlebens der Vorhang fiel. Ein halbes Jahr später löste der Schwarze Freitag die Weltwirtschaftskrise aus, in deren Folge Hitler an die Macht gespült wurde. Die Theaterwelt, bei der Steinrück-Feier scheinbar eine verschworene Gemeinschaft, zerfiel. Viele Teilnehmer mussten fliehen, als Juden oder politisch Belastete, wurden inhaftiert oder ermordet, andere passten sich den neuen Machthabern an, machten Karriere. So waren etwa Veit Harlan und Kurt Gerron auf dem Theaterzettel noch gemeinsam als „Packträger“ aufgeführt wurden. Harlan drehte 1940 „Jud Süß“, Gerron starb vier Jahre später in Auschwitz.

Die Geschichte der Steinrück-Feier ist ausführlich in Margret Heymanns „Eine Sternstunde des deutschen Theaters“ nachzulesen. Verlag Vorwerk 8, Berlin

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