Transeuropa Festival : Europa selbst gemacht

Welche einzigartige Stadtgeschichte hat Bologna zu bieten oder Paris oder Sofia? Das Transeuropa Festival zeigt noch Freitag und Samstag, warum es sich lohnt, Europa neu zu denken und im eigenen Kiez auf Spurensuche zu gehen.

Christa Roth
Auch ohne Megafon zu verstehen: Nina Dick erklärt den Teilnehmern, wo Europa in Neukölln zu finden ist
Auch ohne Megafon zu verstehen: Nina Dick erklärt den Teilnehmern, wo Europa in Neukölln zu finden istFoto: Soeren Jonssen

Wo liegt Europa? Eindeutig in Neukölln. In dem nicht mehr ganz neuen Szenebezirk leben Menschen unterschiedlicher Herkunft Tür an Tür. Multikulti ist hier nicht nur ein Wort. Soziale Spannungen stehen trotzdem auf der Tagesordnung. Der perfekte Ort also, um auf Spurensuche zu gehen.

Um Nina Dick versammeln sich knapp 70 Neugierige. „So viele warens noch nie“, sagt Dick mit deutlich hörbarem Wiener Akzent. Sie  tritt nervös von einem Bein aufs andere,  lächelt aber immerzu. „Kommts näher, wenn ihr mich nicht versteht.“ Die 1980 geborene Installationskünstlerin lädt zu einem Stadtspaziergang der ungewöhnlichen Art ein. Startpunkt ist der U-Bahnhof Boddinstraße. Eine Masse aus Studenten und Kreativen schiebt sich   vorbei an Woolworth und Schlecker.  Immer begleitet von den  Blicken unbeteiligter Passanten. „Macht doch mal Platz“, knurrt ein älterer Mann.  Insgesamt sechs Stationen erlaufen sich die überwiegend weiblichen Teilnehmer in drei Stunden. Wo Halt gemacht wird, erzählt Dick Geschichten aus ganz Europa. Unterstützt wird sie dabei von Kunstschaffenden und Aktivisten, darunter aus Polen, Spanien, Iran und der Türkei.

In einem Hinterhof in  der Fuldastraße begrüßt ein schlaksiger blonder Mann im Jogginganzug und mit Goldkettchen die Spaziergänger. „Willkommen im Boxclub „Tranvieri“ im Arbeiterbezirk Bolognina in Bologna!“ Er deutet auf die Fenster eines Sportstudios namens Koryo. „Der Boxclub wurde 1950 gegründet. Hierher kamen Männer, um zu trainieren und Freunde zu treffen - im wahrsten Sinne des Wortes, hehe.“ Das Publikum juchzt. Geschichte und Protagonist kommen gut an. So macht Europa Laune.

Neben Berlin sind zeitgleich in 13 anderen europäischen Städten Kunstschaffende und -interessierte unterwegs. Darunter Paris, Bologna, Sofia bis hin zum rumänische Klausenburg. Hintergrund der Aktion ist das „Transeuropa Festival“. Erstmals 2007 in London durchgeführt, hat die Idee eines internationalen Festivals schnell auch andernorts viele Freunde gefunden.

Die 25-jährige Französin Eléna arbeitet ein halbes Jahr als Praktikantin bei einer Nichtregierungsorganisation in Berlin. Nebenbei unterstützt sie die Festivalleitung. „Ich bin seit zwei Jahren für das Festival aktiv“, erzählt sie. „Ich hatte nichts Besseres zu tun“, antwortet Mathestudentin Anna auf die Frage, warum sie mitläuft. Ihre Bilanz nach anderthalb Stunden? „Spannend, man lernt den Kiez ganz neu kennen.“ Regieassistentin Judith, rote Haare und qietschbunte Hose, hat im Radio von der Aktion gehört. „Ich bin hier, weil ich heute frei habe und auch in Neukölln wohne. Ich find’s klasse.“

Menschen zusammen zu führen - das ist das Ziel der Auftaktveranstaltung. Kurator Emanuele Guidi, Drei-Tage-Bart und Lederjacke, ist auch ohne Visitenkarte gut vernetzt. Der 34-Jährige gehört dem Organisationsteam des Festivals „European Alternatives“ an. Zusammen mit zahlreichen Künstlerkollegen des „Transeuropa Network“ hat der Italiener die diesjährige Veranstaltung auf die Beine gestellt. „Europa ist mehr als eine Reihe von Staaten. Das wollen wir mit verschiedenen Aktionen während des Festivals zeigen“, sagt er. In Berlin kann man sich noch bis zum 19. Mai davon überzeugen.

Mehr Infos unter www.transeuropafestival.eu

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