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Umsetzung der Testphase wird kritisch betrachtet : Burkini-Schwimmzeiten: Kein sichtbarer Erfolg

Seit 2009 dürfen muslimische Frauen in zwei Berliner Bädern den "Burkini" tragen. Genutzt wird das Angebot bisher kaum bis gar nicht - sagt zumindest die Bäderverwaltung. Eine Befürworterin des Burkini beurteilt die Situation anders.

Im Bad am Spreewaldplatz ist das Tragen des Burkinis erlaubt.
Im Bad am Spreewaldplatz ist das Tragen des Burkinis erlaubt.Foto: ddp

Vor anderthalb Jahren hatte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) einen Gewissenskonflikt: Einerseits wollte er strenggläubigen muslimischen Frauen das Schwimmen in Berlins Bädern ermöglichen, die dies in einem normalen Badeanzug ablehnten. Andererseits dürfe dies aber nicht dazu führen, dass Frauen künftig unter Druck gesetzt werden, sich im Bad komplett zu verhüllen. Nach Beratungen wurde schließlich eine Testphase vereinbart: In zunächst zwei Anstalten - dem Spreewaldbad und dem Stadtbad Neukölln - durften Besucherinnen zu den Frauenschwimmzeiten einen „Burkini“ anziehen. Dieser Badeanzug verhüllt den ganzen Körper außer Hände, Füße und Gesicht.

Kaum Probanden bei der Testphase

Das Ergebnis ist ernüchternd. Bisher hat kaum eine Schwimmerin von dem Angebot Gebrauch gemacht. „Wir würden immer noch gerne wissen, wie sich der Burkini im Alltag beweist“, sagt Matthias Oloew, Sprecher der Bäder-Betriebe. Schränkt der Anzug womöglich die Bewegungsfreiheit ein? Beeinflusst er die Wasserqualität? Und akzeptieren ihn die anderen Besucher – oder gibt es Konflikte? All diese Fragen hätte Matthias Oloew gerne beantwortet. Die Testphase ist deshalb inzwischen auf unbestimmte Zeit verlängert worden, Frauenschwimmzeiten gibt es derzeit unter anderem im Kreuzberger Bad am Spreewaldplatz (montags von 14.30 bis 17.30 Uhr).

Erfunden wurde der Burkini – der Name ist ein Wortspiel aus Burka und Bikini – vor vier Jahren von der Designerin Aheda Zanetti, einer in Australien lebenden Libanesin. Innerhalb weniger Monate erlangte das Kleidungsstück weltweit Bekanntheit, in Ägypten und der Türkei wurde es schnell ein kommerzieller Erfolg, in vielen Ländern der Europäischen Union löste es dagegen heftige Debatten aus. In Berlin setzte sich unter anderem Nele Abdallah, die mehrfarbige Modelle aus Elastan und Polyester vertreibt, für eine zügige Zulassung in Bädern ein.

Burkini verkauft sich angeblich nicht gut

Bei den wenigen Sanitätshäusern, die den verhüllenden Schwimmanzug überhaupt im Sortiment führen, herrscht ebenfalls Flaute. Nur sehr selten gehe ein Burkini über den Ladentisch, sagt eine Verkäuferin. Die Kollegin in einem anderen Geschäft hat überhaupt noch nie einen Burkini den Besitzer wechseln sehen. „Mir war auch nicht bekannt, dass es jemals einen großen Bedarf für spezielle Schwimmkleidung gegeben hätte“, sagt der Sprecher des Türkischen Bundes in Berlin und Brandenburg, Safter Cinar. Die Mehrheit der muslimischen Frauen bade wie alle anderen auch. Für sehr streng religiöse Frauen komme der Besuch eines öffentlichen Bades dagegen ohnehin nicht infrage.

Im Neuköllner Sommerbad am Columbiadamm, wo es vor kurzem zu einer Räumung durch die Polizei nach Auseinandersetzungen zwischen Besuchern kam, hat man Erfahrungen mit verschleierten Frauen, die sich abkühlen möchten. Nach Angaben von Badleiter Jens Rudolf haben etwa 80 Prozent der Besucher Migrationshintergrund, viele der Frauen wollten „teilweise mit mehreren Kleidern übereinander ins Wasser, komplett vermummt und verhüllt“, sagt er. An heißen Tagen hätten die Mitarbeiter alle Hände voll zu tun, die Badeordnung durchzusetzen.

Burkinis sind auch hier noch nicht zu sehen, was Badleiter Rudolf ganz recht ist. Er habe grundsätzlich nichts gegen den Polyesteranzug, dieser entspräche den Hygienevorschriften und sauge sich nicht voll. Aber wie solle man im Fall einer bäderweiten Burkini-Erlaubnis auf einen Blick unterscheiden können, wer Burkini trage und wer Baumwolle? „Wir können das nicht einzeln überprüfen, schon gar nicht zu Hoch-Zeiten.“ Ohne den Burkini kann sich Jens Rudolf sicher sein: Wer lange Kleidung trägt, muss raus aus dem Wasser.

Neben Berlin gab es auch in Hamburg, Frankfurt am Main und Stuttgart bereits Testphasen in öffentlichen Bädern – mit ähnlichen Ergebnissen. Vielleicht ist die Erklärung für den Misserfolg auf dem deutschen Markt aber auch ganz einfach: Das hier vertriebene Standardmodell kostet mehr als 100 Euro.

Testphase wird kritisch beurteilt

Nele Abdallah, die Burkinis über das Internet verkauft, beurteilt die Situation anders: Ein Bedarf sei sehr wohl da - deutschlandweit und sogar in der Schweiz. Schließlich verschicke sie täglich Pakete mit Burkinis. Auch von ihren Geschäftspartnern weiß sie, dass sie den züchtigen Badeanzug los werden - diese würden das Geschäft nicht betreiben, gebe es keine Nachfrage. Innensenator Körtings Gewissenskonflikt habe sie anfangs sehr wohl nachvollziehen können. Aber mittlerweile sei das Argument, dass Frauen unter Druck gesetzt werden könnten, widerlegt: Es seien die Frauen, nicht ihre Männer, die den Burkini aussuchten, kauften und ihn sogar lobten. Dabei betont sie, dass der Burkini wirklich nur für diejenigen muslimischen Frauen gedacht sei, die eine entsprechende Verhüllung wünschen.

Die Testphase beurteilt sie kritisch: Das Neuköllner Bad sei viel zu klein, um dort richtig schwimmen zu können, zudem seien die Zeiten ja auf das Frauenschwimmen beschränkt - Berufstätige hätten also keine Möglichkeit, mit Burkini schwimmen zu gehen. Nele Abdallah kritisiert auch, dass wiederholt Frauen der Bäder verwiesen worden seien, weil sie außerhalb der Frauenschwimmzeiten mit Burkini im Wasser waren. Dies bedauert sie, schließlich wirke Sport integrativ.

Ein Mitglied der türkischen DITIB-Gemeinde, das seinen Namen nicht nennen möchte, sagt, dass er noch nie etwas von der Burkini-Testphase gehört habe. Man hätte sich diesbezüglich mehr mit den muslimischen Gemeinden kurzschließen müssen. (ddp/Tsp/phf)

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