STADTMENSCHEN : Unter der Wolke des Wohlklangs in Wilmersdorf

Ein bisschen anders als sonst ist es schon. Denn diesmal ist Martin Dröge, der Landesbischof, Gast in der großen Backstein-Kirche am Hohenzollernplatz in Wilmersdorf. Aber auch er fügt sich in die ihm zugedachte Rolle des Liturgs in dem Wechselgesang, mit dem acht Sängerinnen und Sänger und Chorleiter Stefan Schuck eine Wolke des Wohlklangs aufschweben lassen. „NoonSong“ heißt der Auftritt, Mittagslied, „30 Minuten Himmel“ versprechen die Veranstalter, das Vokalensemble sirventes.

Das ist nicht übertrieben: Es geht beeindruckend stimmschön zu bei dieser kleinen Andacht – und zugleich ziemlich angelsächsisch-puritanisch: Rote Talare, eine Liturgie nach anglikanischem Vorbild, mit Bittgesängen und Psalmen, einem gemeinsamen Lied von Chor und Gemeinde, nach akkurat einer halben Stunde ist tatsächlich Schluss. Dieses mittägliche Zwischenspiel hat längst sein Publikum gefunden. Anfang November beging es sein dreijähriges Bestehen – damals war Alt-Bischof Wolfgang Huber dabei –, nun ist es bei der 134. Folge angelangt.

Dabei wird keine leichte Kost angeboten – am liebsten ganz alte oder ganz neue Musik, noch lieber Werke, die noch oder wieder zu entdecken sind. Für das vergangene Wochenende hatte der Chor eine schöne, barock-strahlende Advents- Motette von Johann Eccard ausgegraben, der im frühen 17. Jahrhundert Domkantor in Berlin war. Berliner Komponisten liegen dem Ensemble überhaupt am Herzen – seine Weihnachts-CD, am Ausgang angeboten, besteht ausschließlich aus Werken von ihnen. Nur für Händels „Tochter Zion“ wurde eine Ausnahme gemacht.

Wie kann ein Unternehmen wie NoonSong solchen Erfolg haben, dass die Kirche Sonnabend für Sonnabend gut gefüllt ist? Liegt es daran, dass hier eine Gruppe von begeisterten Sängern etwas wagt, ohne Abstriche zu machen? Oder hängt es zusammen mit dem Wochenmarkt vor der Kirche? Von dort finden viele in die Kirche, man sieht es an den Einkaufstaschen unter den Bänken. Vielleicht ist es die Mischung: einen musikulinarisch-meditativen Start in das Wochenende verspricht wortspielend die Gemeinde. Und in der Tat gibt es hinterher ein kleines Büfett, angeboten von dem Unternehmen Berliner Naschmarkt. Rdh.

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