Stadtplanung : Chinatown für Berlin

Auf einem ehemaligen Flugplatzareal bei Oranienburg soll Deutschlands einziges "Chinatown" als Touristenmagnet und Investorenanreiz entstehen. 2000 Menschen könnten hier in Zukunft leben - darunter nicht nur Chinesen.

Oranienburg - Hübsche Pagoden, Drachen zur Dämonenabwehr an geschwungenen Dächern, ein Park für morgendliche Schattenboxer und eine Bühne für Pekingopern - vor den Toren Berlins könnte schon bald Deutschland einziges "Chinatown" entstehen. Die Stadtverordneten von Oranienburg stellten am Montagabend die Weichen dafür, dass das ehrgeizige 500-Millionen-Euro-Projekt eines Investors Wirklichkeit werden kann. Zunächst gaben sie zwar "nur" ihre Zustimmung, dass ein Bebauungsplan erstellt werden kann. Aber Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (SPD) gibt sich zuversichtlich, dass das "Klein-China mit historisierten Bauten, Gewerbe und Kultureinrichtungen ein touristischer Anziehungspunkt wird".

Rund 2000 Menschen sollen künftig auf einem seit Jahren brach liegenden früheren Flugplatzareal wohnen - nicht ausschließlich Chinesen, wie Stefan Kunigam, Geschäftsführer des Investors, der Brandenburg-China-Projekt Management GmbH in Frankfurt (Oder), betont. Wie viele der laut Statistikamt knapp 7000 Chinesen in Berlin und Brandenburg es ins "Chinatown" am nördlichen Stadtrand der Hauptstadt ziehen würde, ist ungewiss.

In der Wirtschaft stößt das Projekt bereits auf Interesse: "Chinesische Investoren fragen schon danach, ob es hier ein Chinatown gibt. Für sie ist das kulturelle Umfeld sehr wichtig", sagt Christoph Lang von der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner. Er mahnt aber auch: "So ein Chinatown ist synthetisch nicht herzustellen, es lebt nicht von den Gebäuden, sondern von den dort wohnenden Chinesen."

"Wir reden nicht von Plüsch und Plunder"

Bis 2010 soll das Stadtviertel auf dem rund 80 Hektar großen Gelände stehen, in dem man "China erleben, chinesisch essen gehen und chinesische Artikel kaufen kann", sagt Kunigam. "Dabei reden wir nicht von Plüsch und Plunder". Ihm gehe es darum, "das Verständnis für China zu verbessern" - und natürlich sollen chinesische Firmen angelockt werden.

Die Stadt Oranienburg mit ihren rund 41.000 Einwohnern wird nach Auskunft von Bürgermeister Laesicke kein Geld in das Vorhaben stecken. "Unsere Chancen sind daher deutlich größer als die Risiken." Schließlich ist Brandenburg in den letzten Jahren mehr als gebeutelt durch gescheiterte Großvorhaben wie die Chipfabrik in Frankfurt (Oder) oder das Transportluftschiff Cargolifter - jeweils mit Millionenförderungen des Landes. Das Wirtschaftsministerium will sich noch nicht zu dem Projekt äußern. Laesicke gibt auch zu bedenken, dass man 13 Jahre lang vergeblich nach einem Investor für das Areal gesucht habe.

Ein deutsches "Chinatown" gab es zuletzt im Hamburger Stadtteil St. Pauli, wo in den 20er Jahren bis zu 2000 Asiaten lebten. In der Nazi-Zeit wanderten jedoch zahlreiche Chinesen aus, andere wurden verhaftet. Ob das nun geplante Oranienburger Pendant zu "Chinatowns" wie in New York und Los Angeles wie diese zu einem Touristenmagneten wird, bleibt abzuwarten. Die Botschaft der Volksrepublik China in Berlin will sich zu den Plänen - zumindest bislang - nicht äußern. (Von Imke Hendrich, dpa)

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