Stadtsoziologe Andrej Holm : Man weiß jetzt, was Gentrifizierung ist

Vor einem Jahr wurde der Berliner Soziologe Andrej Holm festgenommen. Wochenlang saß er unter Terrorverdacht in U-Haft. Längst arbeitet er wieder an der Humboldt-Uni - und bei den Studenten hat sich herumgesprochen, wer da vor ihnen sitzt.

Hannes Heine
Holm
Andrej Holm. -Foto: Steinert

Brille, Bürstenfrisur, Bauchansatz. Sieht so ein Terrorist aus? Andrej Holm hat gerade seine zwei jüngsten Kinder in die Kita gebracht und trinkt mit winzigen Schlucken einen Milchkaffee. Der 37-Jährige ist Stadtsoziologe und erklärt Studenten an der Humboldt-Universität, was es mit der Gentrifizierung – der Umwandlung von Arbeitervierteln in teure Szenekieze – auf sich hat. Wahrscheinlich ist er derzeit der bekannteste Soziologe Berlins. Schon vor Semesterbeginn hat sich unter den Studenten herumgesprochen, wer vor ihnen sitzt: ein Terrorverdächtiger. Vor einem Jahr wurde Holm auf Geheiß der Bundesanwaltschaft festgenommen. Verdacht: Mitgliedschaft in der linksextremen „Militanten Gruppe“.

An jenem Sommertag vor einem Jahr ist es schon morgens um 7 Uhr sehr warm. Holm läuft halbnackt durch die Wohnung, als Polizisten mit gezogenen Waffen hereinstürmen und ihn zu Boden werfen. Wenig später zittert der Forscher, Angstschweiß, er friert und muss die Beamten um einen Pullover bitten. Kurz zuvor wurden in Brandenburg drei Männer bei dem Versuch festgenommen, Wagen der Bundeswehr anzuzünden. Holm wird vorgeworfen, sich mit einem dieser Männer „konspirativ“ getroffen zu haben.

Daraus, dass er links ist, und etwa die Proteste gegen den G-8-Gipfel 2007 mit vorbereitet hat, macht Holm kein Geheimnis. Er ahnt aber nicht, dass die Polizei seit 2006 seine Telefonate abhört und ihn observiert. Insgesamt hat das Bundeskriminalamt (BKA) sieben Männer im Visier – unter dem Namen „Militante Gruppe“ sollen sie seit 2001 fast 25 Anschläge, vor allem auf Polizei- und Firmenwagen, verübt haben. Alle Beschuldigten müssen DNA-Proben abgeben.

In der linken Szene gilt Holm als geduldig, nachsichtig, vielleicht weil er schon mit 22 das erste Mal Vater geworden ist. „Ein sanfter Typ“, sagt jemand, der den Ostberliner noch aus den besetzten Häusern Anfang der 90er kennt. Familienväter waren in der linken Szene immer eine Ausnahme. Doch das BKA ist hartnäckig, Formulierungen in Holms wissenschaftlichen Texten sollen den Bekennerschreiben der „Militanten Gruppe“ ähneln. Auffällig sei der Gebrauch von Fachbegriffen wie „Gentrifizierung“, heißt es in den Akten. Auf der Suche nach den Tätern kontrollieren Beamte unter anderem auch Briefe an den Tagesspiegel; man wollte Bekennerschreiben abfangen.

Als sich hinter Holm die Gefängnistore schließen, weiß er nicht, ob er jemals wieder an einer Uni wird arbeiten dürfen. Ein Terrorverdacht wiegt schwer. „Ich hatte Angst, zum Glück konnten meine Kinder zu den Großeltern“, sagt er. So musste ihnen niemand erklären, warum Papa nicht nach Hause kommt. Während der U-Haft darf der Soziologe täglich eine Stunde aus seiner Einzelzelle in den Hof der Haftanstalt Moabit. Bei Besuchen seiner Freundin, die als Übersetzerin arbeitet, weint Holm leise, in diesen Momenten vergisst er die Polizisten, die direkt neben ihm sitzen.

Doch die internationale Forschergemeinde reagiert schnell. Während Holm in Moabit sitzt, finden in Kanada und den USA zwei Fachkongresse statt. Prominente Wissenschaftler aus aller Welt schreiben einen Protestbrief an Generalbundesanwältin Monika Harms. Sie befürchten eine „Kriminalisierung kritischer Wissenschaft“. Grüne, Linkspolitiker und Gewerkschafter schließen sich den Protesten an. Holms Studenten verteilen Flugblätter, hängen Plakate an die Wände: „Freiheit für Andrej“.

In der Haft bekommt Holm viel Post, eine Freundin schreibt ihm: „Wenigstens weiß man jetzt, was Gentrifizierung ist.“ Plötzlich ist der Begriff in aller Munde. Buchläden müssen nach der Festnahme Holms Werk „Die Restrukturierung des Raumes: Stadterneuerung der 90er Jahre in Ostberlin – Interessen und Machtverhältnisse“ nachbestellen. „Irgendwie kennen mich jetzt alle“, sagt er. Als promovierten Spezialisten für Wohnungspolitik – und als mutmaßlichen Terroristen. Das Online-Lexikon Wikipedia widmet ihm seit der Festnahme eine eigene Seite.

Ende August setzt Holms Anwältin eine Haftverschonung durch. Seine Eltern holen ihn aus Moabit ab. Einen Teil der Prozessakten packt seine Mutter in einen Beutel. Als sie ihren Sohn später am Telefon fragt, ob man beim Kaffeetrinken über den Inhalt der Tüte sprechen wolle, sind die Ermittler alarmiert und stürmen die Wohnung des Soziologen erneut. „Mein Handy wird bis heute abgehört“, vermutet Holm. Er sagt das so nüchtern, als hätte er sich daran gewöhnt. Bei der Razzia wird außer den Prozessakten nichts gefunden.

Die drei mutmaßlichen Brandstifter, die man kurz vor dem Soziologen festgenommen hatte, sind ebenfalls bereits seit Monaten auf freiem Fuß. Anfang der Woche hat die Staatsanwaltschaft gegen sie Anklage erhoben. Allen Beschuldigten wird nicht mehr Mitgliedschaft in einer terroristischen, sondern allenfalls in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Denn nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs sind die Brandstiftungen der „Militanten Gruppe“ nicht geeignet, die staatliche Ordnung „erheblich zu beeinträchtigen“. Es ist ein weiterer Schlag für Generalbundesanwältin Harms.

Holms Verteidigerin erwartet eine baldige Einstellung des Verfahrens. „Das ist wichtig für mich, weil nicht absehbar ist, wie Hochschulen reagieren, wenn es noch einen Restverdacht gibt“, sagt Holm. An der Humboldt-Uni jedenfalls wird der Soziologe nach seiner Entlassung stürmisch empfangen. „Seitdem darf ich meinen Doktorvater duzen“, sagt Holm schmunzelnd. 

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