Stararchitekt Arno Brandlhuber : Wie wir in Berlin in Zukunft wohnen werden

Zu wenig billige Wohnungen? Kein Problem, sagt Stararchitekt Arno Brandlhuber. Er will ganz Berlin um eine Etage aufstocken. Ein Gespräch über die Stadt der Zukunft.

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Es wäre das längste Wohnhaus Berlins: Für diese Simulation hat Arno Brandlhubers Architekturbüro das Bikini-Haus auf das Tempelhofer Flughafengebäude gesetzt.
Es wäre das längste Wohnhaus Berlins: Für diese Simulation hat Arno Brandlhubers Architekturbüro das Bikini-Haus auf das...Simulation: Cornelia Müller/ The Dialogic City

Arno Brandlhuber, 51, arbeitete in Köln, bevor er vor neun Jahren nach Berlin zog. Das Stadthaus, das der Architekt 2009 auf einer Bauruine in der Brunnenstraße in Mitte errichtete, gilt auch aufgrund seiner günstigen Beton-Bauweise als Vorzeigeobjekt. Brandlhuber mischt sich in die Politik ein, er druckte Plakate, mit denen er Berlins Liegenschaftspolitik kritisierte. Außerdem ist er Professor für Stadtforschung in Nürnberg.

Herr Brandlhuber, um Berlins Wohnungsnot zu lindern, schlagen Sie unter anderem vor, den Flughafen Tempelhof um acht Geschosse aufzustocken. Erklären Sie uns das bitte genauer.
In einem Modell haben wir das Bikini-Haus auf das Flughafengebäude montiert. Uns geht es um das freie Geschoss, das das Bikini-Haus ursprünglich hatte, um einen Durchblick in den Zoo zu ermöglichen. Die Lücke wurde vor vielen Jahren geschlossen und jetzt bei der Renovierung nicht mehr geöffnet. So ein Bikini-Geschoss wäre im Fall von Tempelhof besonders sinnvoll, weil das Flughafendach als Tribüne geplant war. Es trägt zigtausend Menschen. Und darüber könnten in sechs bis acht zusätzlichen Geschossen insgesamt 3500 Wohnungen entstehen. So viel Wohnraum, wie ursprünglich für die Randbebauung des Tempelhofer Feldes vorgesehen war.

Bei den Denkmalschutzämtern haben Sie damit keine Chance.

Doch, durchaus. Bedingung für jeden Umbau ist, dass das historische Gebäude geachtet wird. Durch das freie Geschoss wäre ein gebührender Abstand zwischen dem historischen Flughafengebäude und dem Aufbau gegeben. Und unten im Flughafen könnten die Wohnfolgeeinrichtungen untergebracht werden – vom Kindergarten bis zum Lebensmittelmarkt. Damit wäre auch die Frage gelöst, was ins Flughafengebäude hinein soll. Das Schlimmste für ein Denkmal ist, wenn es nicht genutzt wird und Stück für Stück verfällt.

Ihr Wohnriegel wäre zehnmal so lang wie das Hochhaus „Unité d'Habitation“, das Le Corbusier nach dem Zweiten Weltkrieg in Marseille baute.

Le Corbusier wollte eine komplett funktionierende Nachbarschaft in einem Gebäude unterbringen. Der Flughafen Tempelhof wäre dagegen nach außen hin offen, schon weil sich die Bedürfnisse der Menschen stark ausdifferenziert haben. In der Versorgungsetage der „Unité“ gab es beispielsweise nur einen Supermarkt. Heute kaufen manche bei Aldi und andere bei der Bio Company. Sollte also im Flughafengebäude ein Bio-Supermarkt entstehen, würden auch Bewohner aus der Umgebung hingehen. Und natürlich würde der Ableger der Volksbühne, den der künftige Intendant Chris Dercon in einem Hangar aufmachen will, nicht nur von den Bewohnern der oberen Stockwerke genutzt.

Zunächst könnten nun zwei Hangars des Flughafens zu Notunterkünften für Flüchtlinge gemacht werden. Was halten Sie davon?

Ich finde es richtig, ungenutzte Gebäude für Flüchtlinge zu öffnen und sie nicht in Containern unterzubringen.

Haben Sie mal überlegt, ein Flüchtlingsheim zu bauen?

Nein, das Thema Flüchtlinge ist keine architektonische Frage. Ich bin dafür, Schengen aufzugeben. Dann gibt es keine Menschen mit dem Status Asylbewerber mehr, sondern nur noch Ankommende.

Die müssen aber auch irgendwo wohnen. Ikea hat Flüchtlingsmodule gebaut.

Flüchtlinge sollten in ganz normale Wohnungen rein. Und der Staat kommt für die Miete auf, so wie er es auch für deutsche Transfergeldempfänger tut. Kurz nach der Ankunft kann es sinnvoll sein, relativ nah bei anderen zu leben, die die eigene Kultur teilen. In eine andere Gesellschaft einzutreten, braucht Zeit und Rückversicherung. Aber es gibt ja auch Großsiedlungen, in denen viele leer stehende Wohnungen dicht beieinanderliegen. Insgesamt sind in Deutschland knapp zwei Millionen Wohnungen unvermietet. Warum gibt man die nicht an Ankommende?

Sehen Sie sich als politischen Architekten?

Als ganz normalen Architekten. Vereinfacht gesagt gibt es in meinem Beruf zwei Tendenzen: Die einen formulieren eigene Aussagen in ihrer Arbeit mit. Die anderen verstehen sich als reine Dienstleister. Viele Kollegen operieren allerdings wirtschaftlich derart prekär, dass sich für sie die Frage nicht stellt. Sie müssen jeden Auftrag annehmen.

Sie mischen sich als Person in die Politik ein.

Ich interessiere mich für Baugesetzgebung und für Bauruinen. Meine Kollegen und ich fahren oft durch die Stadt, suchen nach Objekten, die unfertig geblieben sind. Wir haben ein großes Archiv davon. Dabei habe ich die fragwürdige Praxis der städtischen Liegenschaftspolitik zu spüren bekommen, die jahrelang alles, was gerade nicht genutzt wurde, meistbietend verkauft hat.

"Ich bin ein großer Fan der Betongemütlichkeit", sagt Stararchitekt Arno Brandlhuber in seinem Büro.
"Ich bin ein großer Fan der Betongemütlichkeit", sagt Stararchitekt Arno Brandlhuber in seinem Büro.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Haben Sie ein Beispiel?

Als vor fünf Jahren der Wettbewerb für die „Temporäre Kunsthalle“ am Humboldthafen ausgeschrieben war, fiel mir dieses wunderbare Gebäude im Humboldthain ein. Es lag hinter dem alten Vereinsheim von Hertha BSC, stammte aus den 80ern und befand sich im Besitz des Bezirks. Es sollte mal ein Sporthotel werden. Bis zur Erdoberfläche war alles fertig. Und weil zum Teil unterirdische Squashhallen geplant waren, gab es dort hohe Räume, die sich für Ausstellungen sehr gut geeignet hätten. Gerade als wir beim Kultursenat vorfühlten, wie es wäre, diese Immobilie vielleicht sogar dauerhaft zur Kunsthalle zu entwickeln, hatte der Liegenschaftsfonds sie verkauft. Damit hatte sich unser Vorschlag erübrigt.

Was ist dort heute?

Eine Autowaschanlage.

Was waren Ihrer Ansicht nach die größten Versäumnisse von Berlins Stadtplanern?

Dass durch den pauschalen Verkauf städtischer Liegenschaften Gestaltungsspielräume zugunsten eines Einmalgewinns aufgegeben wurden. Zu langsam setzte sich das Selbstverständnis durch, dass Berlin wächst.

Sie haben zusammen mit den Urbanisten Florian Hertweck und Thomas Mayfried ein Zukunftsszenario für das wachsende Berlin entwickelt.

Der letzte Versuch dieser Art liegt 40 Jahre zurück. Damals nahmen Architekten um Oswald M. Ungers Berlin als Role Model für schrumpfende Städte. Damit die Stadt nicht ausdünnt, wollten die Autoren Gebiete mit homogener Architektur erhalten: etwa den Mehringplatz, Neu-Westend. Andere Gebiete sollten dem Verfall überantwortet werden. Urbane Inseln inmitten von Wald. Berlin als grünes Archipel.