Statistik : Jeder vierte Berliner ist ein Zuwanderer

Über 860.000 Berliner stammen aus einem nichtdeutschen Kulturkreis - jedes zweite Kind kommt aus einer Migrantenfamilie. Überraschend: Der Bezirk mit den meisten Einwanderern ist nicht etwa Kreuzberg oder Neukölln.

Werner van Bebber
Einwohner mit Migrationshintergrund
Einwandererstadt. In Teilen Berlins stammt mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus Migrantenfamilien.

Die Berliner Bevölkerung besteht zu 25,7 Prozent aus Migranten. Bei Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 15 Jahren liegt der Anteil bei 42,7 Prozent. Das geht aus neuen Berechnungen des Statistischen Landesamtes Berlin-Brandenburg hervor.

Die Statistiker haben erstmals Daten des sogenannten Mikrozensus und Daten des Einwohnerregisters verwenden können. Das hat zur Folge, dass der statistische Bevölkerungsanteil der Migranten leicht angestiegen ist. Vor zwei Jahren hatte der Migrantenanteil bei 23,5 Prozent gelegen. Außerdem gehen die Statistiker heute von einem erweiterten Migrantenbegriff aus. Migranten sind Ausländer, es sind aber auch Kinder von Ausländern, die im Jahr 2000 und danach geboren sind – wenn sie von ausländischen Eltern abstammen. Diese Kinder haben zwar keine Erfahrung als Einwanderer; doch entstammen sie womöglich Familien, die keinen Wert auf die Vermittlung der deutschen Sprache legen. Deshalb ist die Bezeichnung „Migrant“ für die Bildungs- und Integrationspolitik durchaus wichtig.

Nach der neuen Statistik haben 863 500 Berliner einen solchen Hintergrund als Einwanderer. 2,49 Millionen Menschen sind Deutsche ohne Migrationshintergrund. Unter den Migranten sind 470 000 Ausländer. 393 500 sind Deutsche mit Migrationshintergrund – also Kinder von Zuwanderern oder auch von Spätaussiedlern. Auch dieser Aspekt an der Statistik und deren grafischer Darstellung ist neu: Kinder von Zuzüglern aus der ehemaligen Sowjetunion werden nun auch als Migranten erfasst. Das führt dazu, dass Ostberliner Bezirke nun auch mit deutlichen Migrantenanteilen aufwarten können.

Die Statistiker haben ihre Daten auf die Bezirke und darüber hinaus auf „lebensweltliche Räume“ übertragen. Das sind Teile des Stadtraums im Jargon der Statistiker und Stadtplaner. Man kann auch „Kiez“ dazu sagen.

Bezirklich gesehen, hat Mitte den größten Migrantenanteil mit 44, 5 Prozent. Den niedrigsten Anteil hat Treptow-Köpenick mit 9,9 Prozent. Die grafische Darstellung zeigt, dass ein Bezirk wie Charlottenburg-Wilmersdorf viele Bewohner mit Migrationshintergrund hat, ohne dass er als „belastet“ gilt. Das dürfte daran liegen, dass die Mehrheit der hier lebenden Migranten der Mittelschicht angehört und Interesse an der Bildung ihrer Kinder hat.

Die grafische Darstellung der neuen Statistik lässt insgesamt nur begrenzte Schlüsse auf Problemkieze zu. Neukölln-Nord mit einem Migrantenanteil von 50 bis 70 Prozent fällt auf, weil es als Problemkiez bekannt ist. Gleiches gilt für den nördlichen Teil von Mitte – sprich Wedding. Andere Kieze haben einen hohen Anteil an Migranten, aber deshalb nicht unbedingt Probleme. Der Kiez um den Ernst-Reuter-Platz hat 50,6 Prozent Bewohner mit Migrationshintergrund – als belastet gilt er nicht. Gleiches gilt für den Oranienplatz in Kreuzberg – Migrantenanteil 65,2 Prozent –, der eher mit Multikulti als mit Problemen in Verbindung gebracht wird, oder für den Askanischen Platz: Dort liegt der Migrantenanteil sogar bei 68,1 Prozent.

Der Integrationsbeauftragte Günter Piening sieht sich deshalb nicht veranlasst, aus der Statistik neue politische Schlüsse zu ziehen. Die Antwort auf die Statistik bestehe in dem im vergangenen Jahr vorgelegten Integrationskonzept des Landes. Nichts hält Piening von der Idee, die Bevölkerung nach weiteren Unterscheidungsmerkmalen zu befragen, etwa nach dem religiösen Bekenntnis. Davon wollte Piening „in der Stadt, in der der Ariernachweis erfunden wurde“, nichts wissen. Eher schon müsse man abermals über das kommunale Wahlrecht nachdenken: Ein Viertel der Berliner Bevölkerung sei ohne Wahlrecht.

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