Statt der FDP : Warum ein Berliner für die AfD stimmte

Warum eurokritisch wählen? Fridolin Peppel ging es um die Zukunft des Landes – und darum, dass er vielleicht nur dieses eine Mal für die AfD stimmen konnte.

Karoline Kuhla
Von der FDP zur AfD. Fridolin Peppel wählte am Sonntag die neue Partei, da er den Umgang der etablierten Politik mit der Euro-Krise für falsch hält.
Von der FDP zur AfD. Fridolin Peppel wählte am Sonntag die neue Partei, da er den Umgang der etablierten Politik mit der...Foto: Karoline Kuhla

„Mut zur Wahrheit. Der Euro spaltet Europa“ - verkünden große blaue Aufsteller gleich an der Autobahnabfahrt: Willkommen in Steglitz-Zehlendorf, wichtiges Jagdrevier der AfD, wie die Partei selbst erklärt. Irgendwo hier müssen sie leben und von hier aus gehen sie an diesem Wahltag ihre Stimme abgeben, die Anhänger der „Alternative für Deutschland“. Und tatsächlich: Kurz nach 10 Uhr verlässt Fridolin Peppel das Haus in Nikolassee. Er steigt in seinen Skoda, um wählen zu gehen, zu Fuß ist ihm der Weg zu weit.

Peppel ist 75 Jahre alt, pensionierter Ingenieur. Er trägt Jeans und Lederjacke, das karierte Hemd ist gebügelt. 14 oder 15 Mal habe er in seinem Leben schon gewählt, erzählt Peppel unterwegs zum Wahllokal, die vergangenen Jahrzehnte immer FDP. Doch heute nicht: „Die sind mir abhanden gekommen“, lautet sein Urteil über die Partei Philipp Röslers. Ruhig lenkt Peppel sein Auto durch die wohlhabende Wohngegend in Zehlendorf. Zwischen hohen Bäumen hängen die Wahlplakate der AfD an den Laternenmasten.

„Aller Voraussicht nach könnte dies meine letzte Wahl sein“, sagt Peppel, „da darf ich doch ein Mal im Leben meine Stimme einer Partei geben, die eine Bürgerpartei ist!“ Diese Stimme gilt es nun abzugeben: Peppel verschwindet im Wahllokal 707, das im Seniorenzentrum Mathildenhof untergebracht ist.

Er wirkt nicht wie 75. Sein volles Leben hat ihn fit gehalten. Als Sechsjähriger musste Peppel mit seinen Eltern vom Hof in Westpreußen fliehen. In Ost-Berlin baute sich die Familie mit einem Fuhrunternehmen eine neue Existenz auf. 1949 wurden die Eltern enteignet und standen nach einer Flucht in den Westen erneut vor dem Nichts. Fridolin Peppel hat erfahren, was es bedeutet, ganz von vorne anzufangen, sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen.

Jahrzehnte später wählt er aus diesem Wissen heraus AfD. Beide Kreuze? „Ja, Erst- und Zweitstimme!“, erklärt er beim Verlassen des Wahllokals. Die junge Generation soll keinen wirtschaftlichen Zusammenbruch erleben, nicht für die Schulden anderer Länder geradestehen müssen. Den regierenden Parteien traut er nicht mehr zu, die Eurokrise zu regeln, einzig die AfD, die den Euro in der bisherigen Form ablehnt, hat ihn überzeugt: „Auch wenn ein Währungswechsel immer Unsicherheit mit sich bringt.“

Jubel und Entsetzen
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Von seinen Eltern habe er gelernt, immer mehr Geld zu haben, als er gerade brauche. „Geld ist gespeicherte Arbeit. Das ist mir anerzogen worden“, sagt Peppel. Kleine Sparer für die Krise zahlen und Milliardäre laufen zu lassen, kann er nicht akzeptieren – egal ob in Deutschland oder Griechenland.

Für Europa wünscht sich Peppel wieder eine bessere Stimmung: „Nach der Wende sind wir in Deutschland bewundert worden. Die ganze Welt strebte auseinander und wir strebten zusammen. Heute bringen die Leute ihre Knete in die Schweiz. Das ist doch Betrug am eigenen Land!“ Der zweifache Vater und Großvater Peppel hofft, dass die AfD eine Chance hat, im Bundestag mitzureden. Und falls es dieses Mal dafür doch nicht reicht? „Dann habe ich meine Stimme verschenkt."

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