Sternenkinder in Berlin : Ein Grab, klein wie ein Handtuch

Es ist ein harter Schlag, ein Kind nach der Geburt sterben zu sehen. Auf einem besonderen Berliner Friedhof können die Eltern trauern.

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Sie zupft das Grün vom Grab. Über die Tragödie soll kein Gras wachsen.
Sie zupft das Grün vom Grab. Über die Tragödie soll kein Gras wachsen.Foto: Mike Wolff

Nadja Stadlers Tochter ist eine der jüngsten auf dem Alten St.-Matthäus- Kirchhof. Abort in der 12. Schwangerschaftswoche, sagte die Frauenärztin nüchtern. Und: „Sie können ja wieder Kinder kriegen.“ Dann drückte sie ihr eine Kiste in die Hand, eine Gewebeprobe, wie sie erklärte, die sie in der Pathologie des nahe gelegenen Krankenhauses abgeben sollte. Als ihr Freund und sie die Schachtel vor der Praxis aufmachten, stießen sie auf ein gläsernes Röhrchen, darin ihr daumengroßes Kind. „Mit Augen, Handpaddeln, Fußpaddeln“, sagt Stadler.

Vier Jahre ist das her. Nadja Stadler ist noch immer fassungslos über den abgebrühten Ton der Ärztin. Stadler ist eine zierliche, mädchenhaft wirkende Frau. Kurze, lockige Haare, Schlaghose, Gartenschere in der Hand. Ein Kind zu verlieren sei ein lebensveränderndes Ereignis, sagt sie. „Mein Freund und ich hatten das Gefühl, dass wir dem Baby einen Namen geben möchten.“ Sie wollten es auch bestatten: am liebsten zu Hause unterm Apfelbaum. Doch sie bekamen das Kind nicht mehr aus der Pathologie zurück. Aus Gründen der Hygiene, hieß es.

Stadler wandte sich ratlos an eine Bestatterin. Die rief bei der Klinik an: „Ich sitze hier vor der Mutter des Kindes. Sie hätte es gerne wieder!“

Nadja Stadler sagt, es sei wohltuend gewesen, dass sie endlich mal jemand Mutter genannt habe. Denn so fühlte sie sich. Die Bestatterin gab ihr auch den Tipp mit dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, auf dem auch Fehlgeburten bestattet werden dürfen.

Spätabtreibung: Er hätte höchstens ein Jahr überlebt

Das Grab ist klein wie ein Handtuch, halb zugewuchert von einem Bäumchen auf dem Nachbargrab. Nadja Stadler schneidet die Äste zurück. Die Mutter, deren Kind nebenan liegt, habe ihr das ausdrücklich erlaubt, sagt sie. Zum Vorschein kommen ein Kieselstein, auf dem in gelb Felice geschrieben steht, zwei hölzerne Marienkäfer, Pinguine aus Ton.

Wie auf einem Friedhof sieht es hier nicht aus, mehr wie in einem bunt dekorierten Kräutergarten. Hinter der Mauer, die den Friedhof vom Schöneberger Teil der Monumentenstraße abschottet, breitet sich ein Flickenteppich von hunderten kleinen Gräber aus, auf denen Windspiele rotieren und Spielzeugautos parken. Dazwischen sitzen Männer, Frauen und Kinder auf Decken und essen Kuchen, Nudelsalat. An den Bäumen hängen Girlanden. Neben einer Stele zum Gedenken an die verstorbenen Babys, die nie bestattet werden konnten, steht ein Tapeziertisch mit Getränken. Das „Erste Hilfe Köfferchen“, ein Kreis von Eltern, deren Babys hier begraben sind, hat am vergangenen Sonntag zum jährlichen Picknick geladen.

Eine Kindergruppe inspiziert das Spielzeug, mit dem viele der Gräber dekoriert sind, während die Erwachsenen ihren eigenen Gesprächen folgen. Die kreisen nicht zwangsläufig um den Tod. Partygeplänkel. Das kann plötzlich eine Wendung ins Ernste nehmen. Etwa als sich eine Frau den anderen vorstellt, die drei Wochen zuvor ihren Sohn hier beerdigt hat. Eine Spätabtreibung im fünften Monat, nachdem herausgekommen war, dass er schwere Fehlbildungen hatte, mit denen er höchstens ein Jahr überlebt hätte. „Ich höre immer, die Entscheidung war gut für das Kind. Wer will das wissen? Die Entscheidung war gut für uns“, sagt sie und fängt an zu weinen.

Die Geburt verlief heiter. Doch die Ärztin kehrte nicht wieder

Anfangs, sagt Nadja Stadler, habe sie sich „fast ein bisschen geschämt“, als sie auf dem Friedhof Mütter getroffen habe, die ihre Kinder viel später in der Schwangerschaft verloren hatten. „Finden die es komisch, fragte ich mich, wenn ich hier mein fehlgeborenes Kind betrauere?“

Drei Monate nach Felices Tod war sie wieder schwanger. Sie erinnert sich, wie sie am Grab stand und dachte: „Hoffentlich habe ich nicht bald zwei Kinder hier liegen.“ Mit der Zeit sind ihre Ängste verflogen. Die Geburt kam ihr sogar heiter vor.

Sie legten ihr das Baby auf die Brust: ein Junge. Ihren Freund ermunterten sie, die Nabelschnur zu durchtrennen. „Das hätten die doch nie gemacht, wenn die alarmiert gewesen wären!“, sagt Stadler. Dann nahm die Ärztin den Jungen und lief mit ihm aus dem Kreißsaal. „Er braucht ein bisschen Starthilfe“, sagte sie, noch immer in ruhigem Ton.

Doch sie kehrte nicht wieder. Einmal schaute eine Klinikmitarbeiterin kurz herein, da fasste ihr Freund seine diffusen Befürchtungen in eine konkrete Frage: „Schlägt denn sein Herz?“ Die Antwort fiel wieder beschwichtigend aus: Ja, aber unregelmäßig. Nach zwei Stunden brachte die Ärztin den Eltern das tote Kind zurück. Am nächsten Morgen standen zwei Kriminalpolizisten im Krankenzimmer, wo sich das Paar noch von seinem Sohn, Jakob, verabschiedete. Die Beamten banden dem Jungen ein Schild um den Fuß - Aufschrift: Als Beweisstück beschlagnahmt nach Paragraf 94 StPO - und nahmen ihn mit.

Es ist ihr ein Bedürfnis, dass alle ihre Kinder gelebt haben

Das ist alles kaum auszuhalten: ein zweites Kind in der Pathologie. „Man quillt über vor Liebe, und das Wesen ist weg“, erklärt Nadja Stadler.

Sie war damals neu in der Stadt. Ihre Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer westdeutschen Uni war befristet gewesen, und so zog sie mit ihrem Freund Timm Meiser nach Berlin, der sich hier selbstständig gemacht hatte. Meiser ist heute mit auf den Friedhof gekommen, er läuft dem anderthalbjährigen Sohn Levi nach, der wiederum einem Eichhörnchen nachläuft.

In ihrer dritten Schwangerschaft, ein weiteres halbes Jahr später, ging alles gut. „Dafür bin ich dankbar, klar“, sagt Stadler. Manche aus ihrem Umfeld waren erleichtert: „Jetzt habt ihr ja ein Kind!“ Ein Satz, den sie verletzend findet. Es ist ihr ein Bedürfnis, dass alle ihre Kinder gelebt haben, auch wenn zwei nur ein kurzes Leben hatten. Deshalb ist der St.-Matthäus-Kirchhof ein so bedeutsamer Ort für sie geworden. Hier fühlt sie sich ihren verstorbenen Kindern nah.

Tote Babys so liebevoll zu betrauern, ist in Berlin noch nicht lange möglich. Bis Ende der 90er Jahre wurden Föten in den meisten Krankenhäusern mit den amputierten Beinen und den Blinddärmen entsorgt, wenn sie weniger als 500 Gramm wogen. Sie wurden als Sondermüll verbrannt oder zu Granulat verarbeitet, das im Straßenbau Verwendung fand. Das Fernsehmagazin „Report“ machte die Praxis öffentlich, die damals noch Fürsprecher fand wie etwa den gesundheitspolitischen Sprecher der Bündnisgrünen, Bernd Köppl. „Für die von Tot- oder Fehlgeburten betroffenen Frauen oder bei einer Abtreibung entsteht nach dem Ereignis keine personale Bindung an die abgestorbene Leibesfrucht“, meinte der in einem Zeitungsbeitrag.

Früher wurden tote Babys weggebracht, während die Frauen narkotisiert waren

Auch in Berlins Geburtshilfestationen wurde damals wenig Aufhebens um verstorbene Neugeborene gemacht. Noch in den 80ern bekamen Frauen sogar Kurznarkosen, wenn ein Baby tot geboren wurde, erzählt Clarissa Schwarz, die damals als Hebamme in verschiedenen Kliniken arbeitete. Wenn die Frauen wieder aufwachten, war das Kind bereits weggebracht. „Es hieß, das schone die Frauen“, sagt sie.

Bernd Boßmann betreibt auf dem Friedhof das Café Finovo und unterstützt Eltern bei der Bestattung ihrer Kinder.
Bernd Boßmann betreibt auf dem Friedhof das Café Finovo und unterstützt Eltern bei der Bestattung ihrer Kinder.Foto: Mike Wolff

1985 fing Schwarz an, Hausbesuche bei Wöchnerinnen zu machen. „Dort sahen wir Hebammen auf einmal, was die Praxis der Kliniken anrichtete.“ Sie traf auf verstörte Frauen, die die Frage nicht losließ, wo ihr Kind jetzt ist. Manche träumten, dass sie noch schwanger sind. Andere stellten sich vor, wie schrecklich es ausgesehen habe. „Die Phantasie ist ja oft schlimmer als die Realität.“

Clarissa Schwarz sitzt in ihrer Praxis, die in einem Klinkerbau hinter dem Jüdischen Museum liegt. Sie ist eine grauhaarige, in Türkis und Lila gekleidete Frau mit warmer dunkler Stimme. Sie erzählt, wie das Buch „Gute Hoffnung - jähes Ende“ die Heimlichkeit beendete, nachdem die Psychologin Hannah Lothrop darin 1991 für einen Abschied vom verstorbenen Kind plädiert hatte. „Da haben wir uns dann getraut, den Frauen die Babys zu zeigen“, sagt Schwarz.

Mittlerweile sind Kreißsäle mit Kerzen und Körbchen ausgestattet, in die tot geborene Babys gebettet werden. Um die Jahrtausendwende änderten die Krankenhäuser schließlich auch ihre Beisetzungspraktiken. Seitdem gibt es alle paar Monate Sammelbestattungen für die tot geborenen Kinder. Seit neun Jahren können sie auf dem St.-Matthäus-Kirchhof sogar einzeln beigesetzt werden. Es war der erste innerstädtische Friedhof Berlins, der das angeboten hat.

700 Kinder liegen hier bestattet

Zu den Gründern des sogenannten Gartens der Sternenkinder zählt Bernd Boßmann, der zugleich Schauspieler, Schwulenaktivist, Theatermacher ist. Künstlername: Ichgola Androgyn. Bei einem Besuch am Grab eines Freundes habe er das Häuschen gleich hinter dem Friedhofstor entdeckt, erzählt er, das damals leer stand, und ein Café draus gemacht: das Finovo. Davor sitzt er jetzt. Ein lebhafter Mann um die 60 in türkisfarbenem Muscleshirt. Eine Bekannte, deren Sohn mit Anfang 20 verstorben und auf dem St-Matthäus-Friedhof beerdigt ist, habe die Idee aufgebracht, Bestattungen für Sternenkinder anzubieten: Darunter fallen Fehl- und Totgeburten sowie Babys, die nur kurz leben.

Zunächst hat die Friedhofsverwaltung 73 Einzelgräber ausgewiesen. „Ganz schnell war klar: der Bedarf ist viel größer“, sagt Boßmann. Mittlerweile liegen 700 Kinder hier bestattet. Er sehe seine Aufgabe darin, fährt er fort, die Bedürfnisse der Eltern in dieser schwierigen Zeit zu befriedigen, „und zwar so einfach wie möglich“. Er organisiert die Beisetzung und überführt sogar den Leichnam aus der Pathologie.

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