Berlin : Sternstunden im Labor

Ausstellung zu 200 Jahren Humboldt-Universität erzählt von Höhen und Tiefen ihrer Geschichte

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Das Zepter der Universität Erfurt, ein Spitzenkragen Lise Meitners und „Das Lied der Liebe“, ein Werk, das 1933 der Bücherverbrennung entronnen ist. Diese Exponate der Ausstellung zum 200. Gründungsjubiläum der Humboldt-Universität stehen für die von Höhen und Tiefen geprägte Geschichte der ersten Berliner Universität. „Alle großen Leistungen und alle dramatischen Verfehlungen der deutschen Universitätsgeschichte haben sich in Berlin in besonderer Ausprägung gezeigt“, sagt der Chefhistoriker des Uni-Jubiliäums, Heinz-Elmar Tenorth. Die Ausstellung „Mittendrin. Eine Universität macht Geschichte“ ist bis zum 15. August in der zentralen Unibibliothek zu sehen.

Eine Professorenschaft ohne Insignien, die sie bei festlichen Anlässen vor sich hertragen kann? Da kam die vorübergehende Schließung der Universität Erfurt im Jahr 1816 gelegen, das arme Berlin konnte deren Zepter übernehmen. Die Kernphysikerin Lise Meitner war 1912 die erste Assistentin an einer preußischen Uni, erst seit 1908 konnten sich Frauen überhaupt immatrikulieren. Und in dem von einer Passantin auf dem heutigen Bebelplatz geretteten Buch findet sich auch ein Liebesbrief des Unigründers Wilhelm von Humboldt an seine Frau Caroline. Verbrennen wollten es fanatische Studenten und SA-Leute, weil es in einem „jüdischen“ Verlag erschienen war.

Solche Geschichten finden sich in teilweise begehbaren rotlackierten hölzernen Kuben, die im Foyer des Grimm-Zentrums verstreut sind. Die 37 Stationen stehen für thematische Blöcke quer durch die Zeiten. Über Schicksale von Professoren und Studierenden, Sternstunden im Labor oder im Hörsaal wird die Chronik der Uni lebendig – auch durch Tondokumente, in die man über ausziehbare Trichter hineinhören kann. Modern, selbstkritisch und offen für die Gesellschaft will sich die HU mit der Ausstellung zeigen.

In der Leselounge des Grimm-Zentrums etwa geht es um das Bild, das die Universität an runden Geburtstagen von sich entwarf. Ein Panoramabild zeigt den Besuch des Kaiserpaars 1910, stolz verbeugt sich der Rektor – auch im Bewusstsein der zahlreichen Nobelpreise, die seine Professoren erhalten haben. 1960 präsentierten sich die Humboldt-Universität und die 1948 als Reaktion auf die Sowjetisierung der HU gegründete Freie Universität jeweils als wahre Nachfolgerin der Universität zu Berlin. Ein Streit, der die Hochschulen bis heute beschäftigt.

Mit der Ausstellung im Grimm-Zentrum nimmt das Berliner Wissenschaftsjahr 2010 Fahrt auf. Als weitere Großereignisse kommen Mitte Mai bis Anfang Juni die „Wissenschaftstage Südwest“, an denen Institute in und um Dahlem ihre Türen öffnen, weiter geht es mit der „Langen Nacht der Wissenschaften“ am 5. Juni. Und am 24. September eröffnet im Gropius-Bau die große Ausstellung „Weltwissen“ zu 300 Jahren Berliner Wissenschaftsgeschichte.Amory Burchard

Die HU-Ausstellung ist bis zum 15. August im Grimm-Zentrum, Geschwister-Scholl-Straße 1/3 (Berlin-Mitte), zu sehen: Mo. bis Fr. von 8 bis 24 Uhr, Sa. und So. von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Informationen im Internet: www.hu200.de

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