Berlin : Stets sollst du mich befragen

Elisabeth Binder

Erkenne dich selbst: ein verlockendes Motiv, unter Umständen auch furchterregend. Wenn es nach dem Konzeptkünstler Bonger Voges geht, wird diese Ursehnsucht des Menschen künftig helfen, einen vergessenen Platz wiederzubeleben. Auf dem Mehringplatz, am Südende die Friedrichstraße, will er das "Orakel von Berlin" schaffen.

Vom Halleschen Tor aus sollen Besucher durch ein Sonnentor den Platz betreten und dabei auf drei Aufforderungen treffen. "Stellen Sie sich eine Frage, die Sie nicht mit Ja oder Nein beantworten können." Auf den im Kreis rund um den Platz angeordneten Sozialbauten sollen windbewegte Quadrate in den Farben des Spektralkreises aufgestellt werden. Zweite Aufforderung: "Begeben Sie sich zu der Farbe, die Sie in diesem Moment am meisten anspricht." Und schließlich: "2500 Jahre Weisheit geben Antwort auf Ihre Fragen." Ringsum den Platz werden Platten mit Sätzen aus dem chinesischen Weisheitsbuch "I Ging" gelegt. Folgt man also den Aufforderungen, trifft man auf eine Platte, die einem einen Rat in Rätselform mit auf den Weg gibt. Sowas wie "So lässt der Edle Menschen durch Aufnahmebereitschaft an sich herankommen."

Zusammen mit 16 Mitstreitern in dem gemeinnützigen Verein "Das Orakel von Berlin" kämpft Voges für seine Idee. Ein Modell ist in den Räumen des Vereins am Ende der Friedrichstraße zu sehen, ein Poster des verspiegelten Sonnentores von Niki de St. Phalle hängt über zwei Etagen an der Wand.

Ein kleines Modell eines Mondtores von Rainer Fest ist für die andere Seite des Platzes vorgesehen. Die Bauanträge, rechnet Bonger Voges, müssten eigentlich noch dieses Jahr bewilligt werden. Und dann muss er von den elf Millionen Mark, die das Projekt kostet, nur noch die fehlenden neun Millionen zusammenbekommen. Bislang fungieren die Commerzbank, die Wohnungsbaugesellschaft WIR und die Hermes-Hausverwaltung als Hauptsponsoren. Mit T-Shirts, CDs und Postkarten will man zusätzliches Geld aufbringen. Als der heute 44-jährige Voges 1995 nach Berlin kam, wohnte er bei Freunden vom Theater in der Nähe des Mehringplatzes, musste ihn jeden Tag überqueren. Bis dahin hatte er sich mit Tanz und Choreographie befasst, hatte Festivals organisiert, mit Tourneetheatern gearbeitet und in München auch eigene Tanzprojekte organisiert.

Es ist es eine Truppe von Idealisten, die da zusammengekommen ist. Der Frage, was wohl daraus wird, folgt die Aufforderung, ein Mädchen zu suchen. Da kommt PR-Praktikantin Susanne Wolf gerade im richtigen Moment vorbei. Die Idee findet sie ganz toll. "Letztendlich", ist sie überzeugt, "kommt es aber darauf an, was die Leute daraus machen."

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