Streifzug durch die Clubs von Berlin : Jetzt steigt die Party in Lichtenberg

„Berlin is over“, hieß es Anfang des Jahres über Berlins Clubszene. Doch wer sich umsieht, merkt schnell: Die Feierverrückten sind noch da, nur eben beispielsweise in Lichtenberg. Ein Streifzug durch die Partyszene.

Philip Barnstorf
„Berlin is over“, hieß es Anfang des Jahres über Berlins Clubszene. Die Feierverrückten sind noch da, nur eben beispielsweise in Lichtenberg. Ein Streifzug durch die Partyszene.
„Berlin is over“, hieß es Anfang des Jahres über Berlins Clubszene. Die Feierverrückten sind noch da, nur eben beispielsweise in...Foto: dpa

Die letzten Sonnenstrahlen des Abends spiegeln sich in den Sonnenbrillen der jungen Menschen. Im sandbedeckten Außenbereich des Sisyphos-Clubs tanzen sie mit ruckartigen Bewegungen zum Rhythmus der Technomusik, wie sie derzeit in vielen Berliner Clubs zu hören ist. Einige Mädchen tragen nur einen kurzen Rock und Bikinioberteil und viele Männer sind am Oberkörper gänzlich unbekleidet. Einer schießt Glitzerstaub aus einer Plastikpistole in die Menge. Ein anderer balanciert eine Glaskugel auf seinen Armen, während am Rand der Tanzfläche ein Jongleur bunte Gummibälle durch die Luft wirft.

„Spielerisch-Ironisches“ nennt Thomas Scheele die Partys im Sisyphos an der Hauptstraße im Lichtenberger Ortsteil Rummelsburg. Er veranstaltet in Berlin diverse Technopartys wie etwa die But ’n’ Better. „Das Sisyphos hat 2009 mal als kleine improvisierte Open-Air-Party unter Freunden angefangen“, sagt der 26-Jährige, der in Frankfurt (Oder) Kulturmanagement studiert. „Die Party wurde dann immer größer, bis die Leute irgendwann einen Club draus gemacht haben“, sagt Scheele. Seit zwei Jahren ist die Party zum Club geworden. Das Sisyphos hatte nie jemand so geplant, wie es jetzt jedes Wochenende hunderte Technofans nach Lichtenberg zieht. Im Laufe der Jahre kam immer wieder da noch ein Lampenschirm dazu, dort noch ein von einem Freund gebastelter Paradiesvogel.

Fotobuch zur "Bar 25"
Magische Momente. Die Geschichten der Bar 25 sind längst legendär - und nun im Fotobuch von Carolin Saage für immer eingefangen.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Carolin Saage
25.07.2013 11:06Magische Momente. Die Geschichten der Bar 25 sind längst legendär - und nun im Fotobuch von Carolin Saage für immer eingefangen.

So sind viele Clubs in Berlin entstanden, wie auch einst die Bar 25, diese Spontaneität, das Entstehen eines Clubs aus dem Nichts heraus, ist eine der Eigenschaften, die die Berliner Clubszene weltweit berühmt gemacht haben. Doch was ist davon noch übrig?

Abgesang in der " New York Times"

Anfang des Jahres schrieben die „New York Times“ und der „Rolling Stone“, Berlins heiße Zeit sei vorbei. Kurz darauf verursachte Weekend-Chef Marcus Trojan Aufregung in der Szene nach dem Umbau seines Clubs am Alexanderplatz: Er setze auf Ü-40-Touristen, Berliner Studenten und Easyjetsetter seien nicht attraktiv als Kunden. Ist Berlin nun bald zu teuer, um noch hip zu sein?

Im Sisyphos war irgendwann das Geld da, um einen weitere Tanzfläche zu eröffnen, und die DJs hießen immer seltener „der Typ, den ich neulich kennengelernt habe“, sondern Sven Dohse oder Pilocka Krach und legen im Ausland auf. Diese Entwicklung ist in der Berliner Clubkultur nichts Ungewöhnliches.

Clubtüren
Der Berliner Blogger Marcus Werner hat tagsüber die Türen bekannter Clubs fotografiert. Hier das Berghain...Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Marcus Werner
04.07.2011 16:38Der Berliner Blogger Marcus Werner hat tagsüber die Türen bekannter Clubs fotografiert. Hier das Berghain...

Olaf Hilgenfeld macht gemeinsam mit einem Freund elektronische Musik „zwischen Techno, Jazz, House und Funk“, sagt er. Skinner Box nennt sich die Gruppe, mit der er schon in vielen europäischen Großstädten aufgetreten ist. Der 37-jährige Musiker sitzt zwischen Bildschirmen, Mischpulten und Tastaturen in seinem Studio am Oranienplatz und erzählt von den Anfängen der Bachstelzen, einem Kollektiv – Hilgenfeld sagt „Crew“ – von Berliner Partyveranstaltern, deren Feiern ähnlich bunt und verspielt sind wie im Sisyphos. Seit 2004 kennt er die Leute, die damals noch provisorische kleine Partys im Senatsreservenspeicher an der Oberbaumbrücke veranstalteten. Inzwischen betreiben die Bachstelzen den "Salon zur Wilden Renate", ein Club am Ostende der Stralauer Allee, der jedes Wochenende mehrere Tanzflächen beschallt. „Die Crews von damals sind sehr professionell geworden“, sagt er. „Wir spielen nicht mehr für ’nen Hunni beim Kumpel, sondern kriegen vorher eine Mail mit allen wichtigen Infos, werden vor Ort abgeholt und die Gage ist schon hinterlegt.“

Geht der kreative Geist des Berliner Feierlebens verloren, wenn Boxen, Mischpult, Verstärker nicht mehr wenige Stunden bevor die Bässe angehen herbeiimprovisiert werden, sondern die Leute zunehmend in etablierten Clubs tanzen, mit Notausgängen, Brandschutzvorrichtungen und Barkeepern, die Lohnsteuer zahlen?

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