Streit um Babyklappen : Jedes Leben zählt

Mit anonymen Geburten und einer Babyklappe hilft Gabriele Stangl Frauen in Not. Wenn es nach dem Bundesfamilienministerium geht, wird sie das bald nicht mehr können.

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Wohlbehalten. Diesen Säugling, der bei einer anonymen Geburt zur Welt kam, hat Seelsorgerin Gabriele Stangl vielleicht vor dem Tod gerettet. „Ein Glück, dass es das hier gibt“, sagte einmal eine 14-jährige Mutter. „Ich hätte sonst bestimmt irgendwelche Dummheiten gemacht, das Baby vielleicht im Keller versteckt.“ Foto: privat
Wohlbehalten. Diesen Säugling, der bei einer anonymen Geburt zur Welt kam, hat Seelsorgerin Gabriele Stangl vielleicht vor dem Tod...

Babyklappe,Familienministerium,anonyme GeburtenDie alte Frau weinte. „Was sollte ich denn machen?“, fragte sie. „Es war Krieg, mein Mann in Gefangenschaft, ich hatte schon zwei Kinder und dieses dritte entstand durch eine Vergewaltigung. Aber trotzdem: Ich hätte das niemals tun dürfen.“ Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatte die Frau niemandem von dem Kind erzählt. Erst 1996 vertraute sie sich im Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede der Seelsorgerin Gabriele Stangl an.

„Diese Frau war innerlich zerbrochen“, erzählt die aus Österreich stammende Pastorin. „Auch nach so vielen Jahren konnte sie es sich nicht verzeihen, dass sie das Kind im Wald abgelegt hatte.“ Einige Wochen später klopfte ein pensionierter Diakon mit einer verängstigten hochschwangeren Frau an Stangls Tür. „Ich weiß, dass das hier ein christliches Krankenhaus ist“, sagte er. „Diese Frau ist illegal im Land, hat keine Papiere. Und sie kann das Kind auf keinen Fall behalten. Sie werden ihr doch helfen, oder?“

„Natürlich“, sagte Gabriele Stangl. Und ging zu einem Arzt. Doch der wehrte ab. „Das geht rechtlich gar nicht“, sagt er. „Wenn wir ihr helfen, wäre das illegal. Schicken Sie sie wieder weg.“

Bis heute schmerzt es Gabriele Stangl. „Ich musste sie wieder wegschicken. Aber ich wusste nach diesen Erlebnissen, dass ich etwas für Frauen tun muss, die in solchen Notsituationen sind.“

Im März 2000 hörte sie davon, dass eine große Hamburger Kita die erste Babyklappe Deutschlands eingerichtet hatte. Gabriele Stangl beschloss, sich auch für eine Klappe zu engagieren – und für die Möglichkeit, dass Frauen im Krankenhaus Waldfriede anonym gebären können. Weil so viele tote Babys gefunden wurden. Und noch mehr wahrscheinlich nicht gefunden werden, sagt sie.

Im September 2000 war es so weit. Die Pastorin hatte Ärzte, Schwestern und am Ende auch das Jugendamt überzeugt. Etwa 20 Babys wurden seither in der Klappe abgelegt, etwa 150 Frauen haben ihre Kinder hier anonym geboren. Viele der Mütter haben schließlich doch Vertrauen gefasst und etwas von ihrer Identität preisgegeben.

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