Berlin : Streit um das bessere Hormon

Gerade bei Kindern sei Analoginsulin besser als Humaninsulin, meinen Ärzte. Andere sind skeptisch Am 20. Mai wird beraten, welches Insulin die Kassen noch erstatten dürfen

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Ohne dieses Medikament drohen jedem Zuckerkranken schwere Gesundheitsschäden und sogar der Tod: künstliches Insulin. Früher mussten sich Diabetiker Schweineinsulin spritzen, doch das ist inzwischen nur noch selten der Fall. An die Stelle des tierischen Hormons trat das Humaninsulin, das aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen gewonnen wird. Die neueste Generation der Präparate sind die sogenannten Insulinanaloga, die ebenfalls gentechnisch hergestellt werden. Die Struktur des Hormons wurde dabei chemisch so variiert, dass dessen Wirkung rascher eintritt und gleichzeitig kürzer anhält. Diese kurzwirksam genannten Insulinanaloga sollen deshalb besser die Blutzuckerschwankungen durch das Essen ausgleichen können. Das ist besonders für Typ-1-Diabetiker von Vorteil, die kein eigenes Insulin bilden können. Denn bei ihnen sind heftige Ausschläge im Blutzuckerspiegel häufiger als bei Typ-2-(Alters-)Diabetikern.

Außerdem seien die Mittel bequemer dosierbar, sagen die Hersteller, zum Beispiel mit kleinen Pumpen am Körper, die automatisch die notwendige Menge des Hormons von außen zuführen.

Doch genau diese Vorteile sind seit einiger Zeit umstritten. Und zwar so heftig, dass Insulinanaloga für Erwachsene von den Krankenkassen bald nicht mehr bezahlt werden sollen. Nun könnten sie auch für Kinder und Jugendliche aus dem Leistungskatalog der Kassen verschwinden, fürchten Selbsthilfegruppen und Mediziner. Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen, der unter anderem über die Verschreibungsfähigkeit von Arzneien für gesetzlich Versicherte entscheidet, will am 20. Mai über die Streichung beraten.

Die Grundlage der Beratungen ist ein Gutachten des Kölner Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (kurz IQWIG). Das Institut wertete mehrere Studien aus, um zu untersuchen, ob die kurzwirksamen Analoga einen Vorteil gegenüber den Humaninsulinen haben – entweder in ihrer Wirkung oder in einer höheren Lebensqualität, weil die Medikamente leichter zu handhaben sind. Das Ergebnis: Es gebe keine Belege dafür, dass die Analoga überlegen sind. Es gibt aber auch keine dagegen, denn die Studienlage ist dünn. Deshalb müsse die Frage offenbleiben, ob eine Langzeitbehandlung mit den neuartigen Mitteln im Vergleich zu den Humaninsulinen besser ist. Ob sie also das Risiko von Folgeschäden des Diabetes verringerten, Krankenhausaufenthalte vermieden oder ob sie die Lebensdauer der Kranken beeinflussten, so das IQWIG in einer Patienteninformation.

Trotz dieses eher vagen Ergebnisses fürchten Diabetologen nun, dass der Gemeinsame Bundesausschuss beschließen könnte, die Erstattung der Kosten für die Insulinanaloga zu streichen. Dann müssten die meisten Betroffenen auf Humaninsulin umgestellt werden oder die Analoga aus eigener Tasche bezahlen.

Hintergrund ist die Geldfrage. Eine Tagesdosis Humaninsulin ist im Schnitt 30 Prozent günstiger als die Analoga. Das sind täglich 50 Cent, hat das Bundesgesundheitsministerium ausgerechnet. Von 25 000 an Diabetes Typ 1 erkrankten Kindern in Deutschland verwenden rund 13 000 die Insulinanaloga. Die Mehrkosten liegen also bei rund 2,4 Millionen Euro. Das Ministerium bezeichnete die Ersparnis als „vergleichsweise gering“ und forderte 2008 vom Bundesausschuss, für Patienten unter 18 Jahren die Erstattung für die Präparate beizubehalten.

Das Ministerium tat das auch, weil die Einsparung mit einem massiven Eingriff in die Therapie von erkrankten Kindern und Jugendlichen verbunden wäre. Denn von ihnen könne man nur schwer eine solche Therapie- oder Diättreue und Einhaltung genauer Essenszeiten verlangen wie von Erwachsenen.

„Kinder wollen zwischendurch auch mal naschen“, sagt auch Thomas Danne, Kinderdiabetologe und Präsident der Deutschen Diabetesgesellschaft. Und für die Lebenssituation von Kindern seien die kurzwirksamen Insulinanaloga – die schon nach 15 Minuten und damit doppelt so schnell wirken, dafür aber mit zwei Stunden nur halb so lange – sehr viel besser geeignet. „Sie sind näher dran an der Insulinwirkung bei einem gesunden Menschen und machen Komplikationen wegen einer Unter- oder Überzuckerung weniger wahrscheinlich.“

Gerade in den letzten Jahren habe man festgestellt, dass immer mehr junge Diabetespatienten sehr gut medikamentös eingestellt seien und Komplikationen seltener werden, sagt Danne, der auch Vorstandsvorsitzender von „diabetesDE“ ist, einem Dachverband von Fachärzten, Wissenschaftlern und Patientengruppen. „Wenn sich der Gemeinsame Bundesausschuss am 20. Mai tatsächlich gegen die Erstattungsfähigkeit der Insulinanaloga bei unter 18-Jährigen entscheidet, wäre das eine massive Gefährdung dieses Erfolges.“ Danne kündigte einen massiven Protest gegen einen solchen Beschluss an.

Informationen im Internet unter

www.gesundheitsinformation.de/kurzwirksame-insulinanaloga- bei-typ-1-diabetes-gibt-es-unterschiede.284.de.html (Seite des IQWIG)

www.diabetesDE.org

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