Streit um Kunstfreiheit : Rathaus Köpenick hängt Nacktfotos ab

Im Amtsflur im Rathaus Köpenick wurden zwei Aktfotos aus einer Ausstellung entfernt. Es ist nicht der erste Streit dieser Art.

von
Streit im Rathaus Köpenick. Was darf hier gezeigt werden?
Streit im Rathaus Köpenick. Was darf hier gezeigt werden?Foto: Imago

Auf der Galerie-Etage des Rathauses Köpenick befindet sich die Einbürgerungsstelle des Bezirks. Es kommen täglich Menschen mit Migrationshintergrund über die Flure. Doch von ihnen hat sich laut Bezirksamt keiner über die beiden Aktfotos beschwert, die inmitten anderer Bilder beim diesjährigen „Foto Klub Forum“ zu sehen waren. Dennoch: Die Bilder wurden abgehängt.

Obwohl es eine „grundsätzliche Offenheit gegenüber Ausstellungsprojekten mit Aktfotografie“ gebe, seien „ die Rahmenbedingungen im Rathaus für eine derartige Ausstellung nicht geeignet“, schrieb Kulturamtsleiterin Annette Indetzki den Organisatoren in einer Mail zur Begründung dieses Schritts. Und weiter: „Es kommen viele Menschen mit Migrationshintergrund in das Rathaus (z.B. wegen Einbürgerung), deren religiöse Gefühle durch Aktfotos nicht verletzt werden sollen.“ De facto hatten sich aber wohl nur Rathausmitarbeiterinnen und eine Bürgerin beschwert, sämtlich ohne Migrationshintergrund. Ist dies nun vorauseilende Unterwerfung, ähnlich jener, die in der Verhängung von Statuen in Rom anlässlich des Besuchs des iranischen Präsidenten Hassan Rohani im vergangenen Januar zum Ausdruck kam? Telefonisch war Indetzki am Donnerstag nicht zu erreichen.

Auf jeden Fall gab es vor Jahren einen ähnlichen Fall in der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf. Dort waren Ende 2013 im Rahmen einer Kunstausstellung 50 Werke gezeigt worden, darunter sechs Aktgemälde. Die Akte wurden nach einem Tag wieder abgenommen, aus Rücksicht auf die Muslime, die in der Volkshochschule Sprachkurse besuchen, aus „interkultureller Sensibilität“, nur dass sich auch damals niemand über die Bilder beschwert hatte. Es war praktisch eine Verletzung religiöser Gefühle verhindert worden, von der keiner weiß, ob sie überhaupt stattgefunden hätte. Auch damals wurde die Frage diskutiert, ob das Vorgehen wirklich von „interkultureller Sensibilität“ zeugt. Etwa zeitgleich gab es auch die Frage der Umbenennung der Sankt-Martins-Umzüge in „Sonne, Mond und Sterne-Fest“ – kein Muslim war auf die Idee gekommen, aus religiösen Gründen das Martinsfest zu beanstanden.

Der Bezirk hatte versprochen, auf jedwede Zensur zu versichten

Der Colorklub Berlin-Treptow, dessen Mitglied Wolfgang Hiob einer der Betroffenen war, wollte das Bilderverbot nicht hinnehmen. „Ich habe alle Klubmitglieder angemailt, und wir haben beschlossen, dass wir dann alles abhängen“, erzählt Klubleiter Gerhard Metzschker. „Wir haben 20 Mitglieder, von 16 von ihnen hingen dort insgesamt 32 Bilder. Nachdem das Bild von Wolfgang Hiob entfernt worden war, sind wir ins Rathaus gegangen und haben aus Solidarität die anderen 31 Bilder auch noch abgehängt.“ Das Ganze vollzog sich vor Ostern. Die Ausstellung „22. Foto Klub Forum Berlin“ begann am 1. März und endet am 29. April. Das Abhängen der zwei Bilder – das andere zeigt eine Frau, die in offenem Mantel lesend auf einem Sofa liegt – geschah Ende März. Der Fotograf Jan Gießmann, von dem die lesende Frau stammt, äußerte sich eher amüsiert. „Lächerlich und blöd“ finde er den ganzen Vorgang, sagte Gießmann.

Gehört das ins Rathaus? Nein, meint das Köpenicker Kulturamt, und hängte das Bild ab. Allerdings erst gut drei Wochen nach Ausstellungseröffnung.
Gehört das ins Rathaus? Nein, meint das Köpenicker Kulturamt, und hängte das Bild ab. Allerdings erst gut drei Wochen nach...Foto: Wolfgang Hiob

Die Veranstaltung „Foto Klub Forum“ gibt es seit Jahren; sie ist eine Größe im Rathaus Köpenick. Streit um Aktbilder hat es dort auch vorher schon gegeben. Speziell Hiob war betroffen. Er überließ das Reden seinem Klubchef Metzschker. Der verweist auf einen Schlussbericht des Bezirksamts Treptow-Köpenick von 2011, wonach der Bezirk auf „jedwede politische Zensur der dargestellten Bilder, Fotos und Gemälde verzichtet“ und ermöglicht, dass bei Fotoausstellungen „die ganze Bandbreite künstlerischen Schaffens“ gezeigt werden kann. Unterzeichnet hat den Bericht die damalige Bezirksbürgermeisterin Gabriele Schöttler (SPD). Ihr Amtsnachfolger Oliver Igel (SPD) wollte sich am Donnerstag nicht äußern. 2010 waren erst Aktbilder des Fotografen Wolfgang Hiob aus einer Ausstellung im Rathaus entfernt worden, und kurz darauf wurde die ganze Ausstellung ins Bürgerhaus Altglienicke umgehängt – „verbannt“ in den Augen des Fotografen. Die Selbstverpflichtung des Bezirks, die ganze Bandbreite künstlerischen Schaffens zu zeigen, wurde seither nicht mehr auf die Probe gestellt. Dies sei seit 2011 das erste Jahr mit Aktbildern, heißt es aus dem Colorklub Berlin-Treptow.

40 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben