Streit um Prediger aus Jauch-Sendung : Der Imam und ich

Seit seinem Auftritt bei Günther Jauch wird Abdul Adhim Kamouss als Demagoge attackiert. Unser Autor kennt ihn seit längerem aus einer privaten Dialogrunde – und hat einen völlig anderen Eindruck.

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Der Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss wurde nach seinem Auftritt bei Günther Jauch hart kritisiert - auch im Tagesspiegel.
Der Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss wurde nach seinem Auftritt bei Günther Jauch hart kritisiert - auch im Tagesspiegel.Foto: dpa

Abdul Adhim Kamouss kenne ich seit ungefähr zwei Jahren. Wir treffen uns in größeren Abständen für eine private interreligiöse Dialogrunde, mit Christen verschiedener Konfessionen, Bahai, Buddhisten und Juden. Einmal waren wir zusammen in einer Moschee, haben miteinander gegessen, eine Rabbinerin hat aus dem Talmud gelesen. Die Ähnlichkeiten innerhalb der orientalischen Traditionen haben uns verblüfft. Auch die Frau des Imam war dabei. Ein andermal hat er davon erzählt, wie sein deutscher Schwiegervater, getauft und eher ungläubig, im Sterben lag, und er mit ihm über Gott geredet habe. Das hat mich beeindruckt.

Bei der Jauch-Talkshow am Sonntag war ich bestürzt, wie der freundliche, temperamentvolle Marokkaner mit seinem leidenschaftlichen Wortschwall missverstanden wurde. Seine anschließende mediale Abstempelung als „raffinierter Demagoge“ konnte ich nicht nachvollziehen. Ich habe mit ihm ein persönliches Telefonat geführt, aus dem ich zitieren darf. Kamouss bedauert, dass er mit seinem Redefluss „ins Rutschen gekommen“ sei, die Kontrolle verloren, die „Schiene verlassen“ habe, die er sich vorgenommen hatte: „Ich wollte mich nicht aufregen und provozieren lassen. Ich wollte sagen, dass für mich das Grundgesetz die Basis unseres Zusammenlebens ist, dass ich gegen Radikalismus bin, dass Deutschland demokratisch bleiben soll, wie es ist, und dass ich mich mit Ihnen gemeinsam an vielen Präventionsprojekten weiterhin beteiligen will.“

Abdul Adhim Kamouss: Mit tut es "im Herzen" leid

Durch einen präsentierten Video-Schnipsel von 2002 und durch die zwei „Staatsvertreter“ Bosbach und Buschkowsky – denen das Publikum, das verstehe er sogar, vorab mehr Vertrauen schenkte – habe er sich zur reinen Defensive verleiten lassen und „das Wichtigste weggelassen“. Schließlich sei ihm klar geworden, dass man ihn nicht als Gesprächspartner, sondern nur als „Werkzeug und bestimmte Figur“ eingeladen habe. Ihm tue es aber „im Herzen leid“, dass man nun meine, er könne nicht zuhören.

Auf die Frage, wieso er bei Jauch denn so schief formuliert habe, wer außerhalb der Moschee eigene, möglicherweise terroristische Wege gehe, unterstehe ja nicht seiner Verantwortung, das sei also „erledigt“, antwortet der Imam: „Hier hätte man bei mir nachhaken müssen.“ Er arbeite neben Familie und Beruf 30 Prozent seiner Zeit ehrenamtlich als Geistlicher, aber ein Imam sei doch auch wie ein Vater, der sich kümmere. Unter tausenden Jugendlichen, denen er als Prediger geholfen habe, ein kriminelles Milieu zu verlassen und zu vernünftigen Bürgern zu werden, wisse er von diesem einen, der zunächst „aus dem Müll heraus den Weg der Frömmigkeit“ gefunden habe und dann „aus meinen Reihen verschwunden“ sei und Radikale kontaktiert habe. Dreimal habe er den jungen Mann in dieser Zeit angerufen und gesagt: Du folgst einem falschen Weg, diese Leute projizieren alte Texte auf unsere Zeit. Halte dich an Kommentare der Gelehrten. Der Junge habe aus Respekt zugehört, aber weitergemacht, später seine Handynummer geändert; er sei nicht mehr erreichbar gewesen und nach Syrien gezogen. „Dafür will man mir Schuld zuschieben.“

"Glauben Sie mir, ich entwickele mich jede Woche"

Aber wieso hat er sich am Sonntag nicht von anderen Predigern an der Al-Nur-Moschee abgesetzt? „Seit 16 Jahren bin ich an dieser Moschee“, sagt Kamouss. Wegen eines Arabers, der 2003 für Gewalttaten in den Mittleren Osten gezogen und später zurück nach Deutschland gekehrt sei – „für mich ein normaler Betender, ich konnte nicht in sein Herz sehen“ – sei das Gotteshaus unter Polizeibeobachtung geraten und im Internet „in den Dreck gezogen worden“. Er selbst habe sich in den vergangenen drei Jahren nur einmal wöchentlich jeweils 90 Minuten dort aufgehalten, dagegen in anderen Moscheen zwei- bis dreimal die Woche. Es sei ihm aber tatsächlich nur Gutes dort zu Ohren gekommen, bis auf den palästinensischen Prediger aus Dänemark, der dreimal in der Freitagspredigt „gegen die Juden gebetet“ habe. „Das verabscheue ich, davon distanziere ich mich, anderes Schlechtes gab es da nicht.“

Er selbst erreiche mit seiner Art, nicht auf den oberflächlichen Wortlaut der Texte, sondern auf deren Intention zu achten, „alle Kategorien von Jugendlichen: die Lockeren, die Gemäßigten und auch die Extremen“. In den Medien dagegen werde er aufgrund uralter Predigten, in denen sein Wortschatz noch sehr beschränkt gewesen sei, „als Salafist abgeschrieben“. Dabei habe ihm in seinen ersten Jahren eben auch die Erfahrung gefehlt: „Glauben Sie mir, ich entwickele mich jede Woche.“

Dem Marokkaner, zu dessen kultureller Identität, wie er sagt, das jüdische Erbe seiner nordafrikanischen Heimat gehört, ist es wichtig, zwischen Judentum und Zionismus zu unterscheiden. Er sei strikt dagegen, dass die Hamas Zivilisten ermorde, meine aber zu erkennen, dass sie ihre Politik in diesem Punkt geändert habe. Den Bewohnern von Gaza sei es erlaubt, sich zu verteidigen. Als ich vom zynischen Missbrauch menschlicher Schutzschilder rede, womit Israel als Killer vorgeführt werden soll, stellt Kamouss sogleich Israels Angriffe auf Uno-Gebäude dagegen. Die von ihm nach eigener Aussage eigentlich sehr respektierte Kanzlerin bezichtigt er, ohne Empathie für Opfer in Gaza nur Israel in Schutz zu nehmen. Darin meint er, eine „Doppelmoral“ zu erkennen. Wir einigen uns darauf, an diesem Punkt nicht zueinanderzukommen und trotzdem weiter miteinander reden zu wollen.

2009, berichtet Abdul Adhim Kamouss, habe es ein Ermittlungsverfahren des Verfassungsschutzes gegen ihn gegeben. Ein Gutachter habe alle seine Predigten auf „Antisemitismus“, „Hass“ und „Mordaufrufe“ untersucht und in einer zweiseitigen Expertise niedergelegt, dass keine der Ansprachen zu beanstanden sei. Das Verfahren sei eingestellt worden.

Lesen Sie hier, wie die Sicherheitsbehörden Abdul Adhim Kamouss einschätzen.

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