Streit um Stein in Tiergarten : Ein schöner Brocken

Ein Stein wurde aus Venezuelas Urwald geholt und in Berlin zu Kunst gemacht. Dann entbrannte Streit, es gab Proteste. War der Stein geschenkt, oder wurde er geraubt? Plötzlich sind Regierungsvertreter damit befasst.

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Der Stein des Anstoßes: Um den 35 Tonnen schweren Findling aus Venezuela, der im Berliner Tiergarten steht, ist ein Streit entbrannt. Foto: dapdAlle Bilder anzeigen
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25.06.2012 13:54Der Stein des Anstoßes: Um den 35 Tonnen schweren Findling aus Venezuela, der im Berliner Tiergarten steht, ist ein Streit...

Die Liebe könnte die Konflikte auf der Welt schlichten. Tut sie aber nicht, sie provoziert stattdessen Gezänk.

Die Liebe in diesem Fall ist ein Stein aus Venezuela. Er steht mitten in Berlin, am östlichen Rand des Tiergartenparks, nebenan rauscht der Verkehr über die Ebertstraße. Er steht auf einer Lichtung und ist Teil eines Kunstwerks.

In Venezuela dagegen war er Teil eines Nationalparks, in dem Ureinwohner leben, vielleicht sogar Teil von deren Kultur. Die jedenfalls hätten den Stein gern zurück. Um das klarzumachen, kamen am vergangenen Freitag etwa 50 von ihnen mit Bändern und Federn im Haar zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland im Zentrum von Caracas.

Auch die Nationalversammlung in Venezuela hat gerade bestätigt: Der Stein soll zurück. Er sei illegal entwendet worden.

Der deutsche Botschafter in Venezuela sagte zu, die Forderung nach Rückgabe des Steins nach Berlin zu übermitteln, und versicherte, Deutschland habe ihn als Geschenk betrachtet. Das Auswärtige Amt in Berlin wollte die Angelegenheit am Freitag nicht kommentieren. Und der Künstler bestreitet die Vorwürfe.

Vor etwa zehn Jahren hat Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld sein Kunstwerk errichtet. „Global Stone Project“ ist dessen Titel, es besteht aus fünf sehr großen Steinen, die er aus allen Teilen der Welt nach Berlin gebracht hat.

Die Liebe ist ein fast 35 Tonnen schwerer Findling, rot wie Eisen. In die polierte Oberfläche hat der Künstler auf Englisch „Liebe“ eingraviert. In die Seiten haben Touristen ihre Namen geritzt. Der Stein, der für den Kontinent Amerika auf der Berliner Lichtung steht, wirkt ein wenig mitgenommen und etwas verloren, obwohl die anderen vier Steine in der Nähe liegen. Die anderen Steine sind ebenfalls poliert und graviert. Erwachen (Europa). Hoffnung (Afrika). Vergebung (Asien). Frieden (Australien). Weil Schwarzenfeld diese Dinge für wichtig hält zur Verbesserung von Welt und Menschlichkeit.

Die fünf Steine sollen, so stellt sich das der Künstler vor, mit ihrer spiegelglatten Fläche das Licht der Sonne am Mittsommertag in jedem Jahr reflektieren und zu den Schwestersteinen auf den fünf Kontinenten senden; Menschen und Länder miteinander verbinden. Ein verwittertes Schild am Wegrand erklärt das Werk. Ob es funktioniert, spielt keine Rolle. Dem Künstler bedeutet der Gedanke viel.

Nun könnte man natürlich sagen: Seit vor Jahren der Streit um den Liebesstein ausgebrochen ist, haben in deutschen und venezolanischen Amtsstuben, im Urwald und im Berliner Tiergarten schon so viele Menschen miteinander diskutiert, dass der Stein, was die Zusammenführung der Völker angeht, einiges geleistet hat. Wenn auch anders als beabsichtigt.

Ende 1998 fand von Schwarzenfeld den Stein in einem Nationalpark in Venezuela. Er verhandelte mit den Parkbehörden und den ansässigen Ureinwohnern, den Pemón-Indianern, die den Stein Kueka nennen. Er erhielt Genehmigungen, Unterschriften und Stempel, um den Stein mitnehmen zu dürfen.

Im Januar 1999 verließ der Venezuela per Schiff. Kurz zuvor war Hugo Chávez erstmals zum Präsidenten des Landes gewählt worden, der erste Präsident mit indigenen Wurzeln. 2003 ließ er die Verfassung ändern, so dass darin die Rechte der Ureinwohner festgeschrieben wurden. 2003 kündigte er außerdem an, den Stein zurückhaben zu wollen. 2012 hofft er, bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober erneut gewählt zu werden. Will er den Stein jetzt ins Land zurückholen, um Stimmen zu gewinnen?

„Alle, die tatsächlich im Land protestieren, sind Anhänger des Präsidenten Hugo Chávez“, sagt Bruno Illius. Er ist Mitte 50, ein Ethnologe, der zu vermitteln versucht. Illius hat mit den Pemón gelebt, seit 1993 beschäftigt er sich mit ihrer Kultur. Er ist niemand, der leicht etwas glaubt, was er nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Deswegen recherchierte er im Frühjahr 2011 bei einer Reise nach Venezuela selbst. Er hat mit Pemón gesprochen und erfuhr, dass damals einige von ihnen bezahlt worden seien, um Kueka-Proteste der Ureinwohner anzuzetteln.

„Das Unrecht ist“, sagt Illius, „dass die Pemón nicht offiziell gefragt wurden.“ Er sagt aber auch: „Der Stein hat nichts mit der Mythologie oder Religion der Pemón zu tun.“ Was Kern der Vorwürfe ist. Aber so genau scheint das alles keiner mehr wissen zu wollen. Der Stein ist zum Symbol für das Mitspracherecht der venezolanischen Ureinwohner geworden.

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