Berlin : Streiter für das Unerhörte Flötist und Künstler: Eberhard Blum ist tot

Jens Hinrichsen

Für Eberhard Blum, Flötist, Zeichner und Performancekünstler, war Berlin der Arbeits- und Lebensmittelpunkt. Seine Zentrale: ein Arbeitsraum in der Charlottenburger Fasanenstraße, voller Tische, Grafikschränke, Notenpulte. Hier wurden die Kompositionen einstudiert, die Blum für CD-Produktionen aufnahm oder weltweit in Konzerten spielte. Stücke, die nicht nur schwer zu spielen waren, sondern auch nicht immer das waren, was man unter „easy listening” versteht.

Sein ganzes Können stellte er in den Dienst der Neuen Musik. John Cage, Morton Feldman oder Karlheinz Stockhausen waren seine Götter. Als „jemand, der von Komponisten komponierte Musik aufführt“ – so charakterisierte der Instrumentalist selbst sein Tun – hat Blum es sich nicht leicht gemacht. Wie ist Werktreue möglich, wenn keine Noten, sondern bisweilen nur knappe Anweisungen auf dem Papier stehen? Und wie fesselt man ein – eher skeptisches – Publikum? Mit zahlreichen Konzerten sowie Einspielungen hat Blum Unschätzbares für die Neue Musik geleistet. Legendär ist die Uraufführung von Schwitters’ Ursonate 1975 in New York.

Sein Anfang war klassisch, mit Bach und Haydn. Das Musikstudium in Rostock brach der 1940 in Stettin geborene Blum bald ab, ging 1960 in den Westen, studierte bis 1964 Flöte an der Berliner Hochschule für Musik bei Aurèle Nicolet. In den frühen 70er Jahren lernte er Morton Feldman kennen, der als DAAD-Stipendiat nach Berlin gekommen war. So begann eine lebenslange Amour fou zur musikalischen Avantgarde. Nach seiner Flötisten-Karriere wandte sich Blum verstärkt der Bildenden Kunst zu. Seine grafischen, oft an musikalische Notationen erinnernden Arbeiten waren in der Villa Oppenheim und der Berlinischen Galerie zu sehen. Noch 2012 kuratierte Blum, Akademie-Mitglied seit 2004, das Programm „Von der Disziplin der Anarchie: Der Komponist John Cage“ im Rahmen der 365 Cage-Tage der Akademie der Künste. Am 5. März ist der Streiter fürs Experimentelle und Unerhörte im Alter von 73 Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben. Jens Hinrichsen

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