Student betreibt Fahrrad-Lehrwerkstatt in Dahlem : Endlich fürs Leben lernen

Bildungsinnovation in der Rudolf Steiner Schule an der Clayallee: Ein Berliner Student zeigt Schülern in einer ehrenamtlich geführten Werkstatt, wie man Räder repariert. Dabei geht es um mehr als technische Kenntnisse.

Valerie Schönian
Wieder flott gemacht. Maschinenbaustudent Timm Wille (r.) leitet ehrenamtlich an seiner alten Schule, der Rudolf-Steiner-Schule in Dahlem, eine Lehrfahrradwerkstatt.
Wieder flott gemacht. Maschinenbaustudent Timm Wille (r.) leitet ehrenamtlich an seiner alten Schule, der Rudolf-Steiner-Schule in...Foto: Thilo Rückeis

Für die meisten Menschen ist das Fahrrad ein schlichtes Fortbewegungsmittel. Für Timm Wille ist es mehr. Der 23-Jährige studiert Maschinenbau und ist bei Projekten wie „foodsharing“, „Open Source Ecology“ oder „Osjub“ aktiv, die darauf ausgerichtet sind, Menschen zum Denken und zur Nachhaltigkeit zu motivieren. „Das alles hätte ich nie gemacht, wenn es die Fahrradwerkstatt nicht geben würde“, sagt Wille über sich selbst. „Man probiert sich aus, erkennt durch eigenständiges Denken Probleme und bekommt heraus, wie etwas funktioniert.“

Im Jahr 2010 hat Wille die Werkstatt in seiner Schule, der Rudolf-Steiner-Schule in Dahlem, eröffnet. Sein Abitur hat er schon längst in der Tasche, trotzdem trifft er sich hier noch immer jeden Dienstag mit Dahlemer Schülern, um alte Räder zu reparieren. Geld bekommt dafür keiner von ihnen. „Es geht nicht um Profit. Es geht darum, sich für Dinge zu begeistern, ohne dafür bezahlt zu werden oder Noten zu bekommen.“

Die Werkstatt liegt etwas abseits auf dem Schulgelände. Am besten findet sie, wer auf die vielen, zu einem Haufen getürmten Fahrräder zugeht. Was die meisten als Schrott bezeichnen würden, ist Arbeitsmaterial für die Liebhaber-Werkstatt. Auf der Werkbank steht ein türkisgrünes „Herkules 2000“, ein Oldtimer. An der Holzwand dahinter hängen unzählige Maulschlüssel, klein wie ein Finger oder groß wie eine Hand. Auf dem Boden, auf den Tischen und in dem Stahlregal in der Ecke stehen Dutzende Kisten, in denen Lampen, Gepäckträger, Bremsen oder Dynamos liegen.

Von den zwei Dutzend anderen Drahteseln sind viele Spenden und dienen als Ersatzteillager, andere kommen von Jugendlichen der Rudolf-Steiner-Schule und sollen repariert werden. Wille und seine Mitstreiter achten aber darauf, dass es nicht zu viele werden. „Wir sind keine Schülerfirma. Wir nutzen die Zeit nicht, um möglichst viel zu reparieren, sondern möglichst viel zu lernen.“ Manchmal machen sie auch Workshops mit Klassen – und checken gemeinsam mit den Jungen und Mädchen an zwei Tagen 25 Fahrräder durch.

„Es ist toll zu merken, dass man was geschafft hat“

Gerade erklärt Wille Magda, wie die Schaltung vom „Herkules“ funktioniert. Die 13-Jährige ist seit einem Monat in der Fahrradwerkstatt dabei. Sie will lernen, wie sie ihr Lieblingstransportmittel wieder zum Laufen bringt. „Es ist toll zu merken, dass man etwas geschafft hat“, sagt sie. Um sie herum stehen Christophe, Teo und Max. Sie kümmern sich um die Werkstatt, wenn Timm mit einem seiner anderen Projekte oder seinem Studium zu tun hat.

„Es ist ein Dauererfolgserlebnis“, sagt Teo. Sie werkeln immer zu zweit an einem Fahrrad. Worauf sie dabei achten müssen, ist in einer Checkliste neben der Korkwand festgehalten: Antrieb, Licht, Laufräder, Lager. Sie lernen davon und voneinander. Sie flicken Reifen, reparieren Bremsen, Schaltung, und zentrieren die Räder, wenn eine „Acht“ drin ist.

Timm Wille will ein bundesweites Netzwerk an Schulen etablieren

Doch es geht nicht nur um die Räder. „Es ist auch ein Raum der Kommunikation“, sagt Teo. „Wir reden viel.“ Über Technik, aber auch über Politik, Nachhaltigkeit oder bewusstes Handeln. Für Timm gehört das alles zusammen. Was die Werkstatt in ihm geweckt hat, will er weitergeben. Deswegen steht er mit dem Verkehrsclub Deutschland Nord-Ost in Kontakt, um so das Projekt auch an anderen Schulen zu etablieren. Mit einem bundesweiten Netz solcher Werkstätten könnte man auch Ersatzteile tauschen: „Es landet so viel auf dem Müll, was noch vollkommen brauchbar ist.“ Und der Schrotthaufen vor dem Fenster? „Daraus könnte man Skulpturen machen oder eine Felgenwand für Kletterpflanzen.“

- Die Fahrradwerkstatt der Rudolf-Steiner-Schule Berlin e.V., Clayallee 108, braucht Spenden. Ein Schweißgerät, alte Räder, Ersatzteile, Spezialwerkzeug oder eine kleine Drehmaschine wären willkommen. E-Mail: fahrradwerkstatt@ymail.com. Tel. während der Öffnungszeiten (Di. 17 bis 19 Uhr): 0176 5318 2613.
Spendenkonto: Rudolf- Steiner-Schule Berlin e.V., Kontonr. 3090000, BLZ 100 205 00, Sozialbank Berlin. Verwendungszweck: Ausstattung Schülerfahrradwerkstatt.

Die Autorin schreibt als freie Journalistin für den Tagesspiegel. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin aus dem Südwesten.

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